Mittelstand fordert Reformmut: Bundeswirtschaftssenat tagt am Tegernsee
Wettbewerbsfähigkeit, Bürokratieabbau und ein neuer Dialog zwischen Politik und Unternehmertum standen bei einem Treffen des Bundeswirtschaftssenats am Tegernsee im Mittelpunkt. Das Exzellenzgremium des wichtigsten deutschen Mittelstandsverbandes BVMW hatte unlängst ausgewählte Unternehmerinnen und Unternehmer zu einem Austausch eingeladen, der die Stimmung im Mittelstand deutlich spiegelte: Sorge über den Reformstau, Kritik an der wachsenden Bürokratie, aber auch der Wille, Verantwortung zu übernehmen und Deutschland wieder nach vorne zu bringen.
Christoph Ahlhaus, Generalsekretär des Bundeswirtschaftssenats und Vorsitzender der Bundesgeschäftsführung des BVMW, eröffnete den Mittelstandsgipfel mit einem Appell. Der Mittelstand dürfe nicht länger nur als Rückgrat der Wirtschaft in Sonntagsreden gelobt werden, sondern müsse politisch wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Ahlhaus kritisierte, dass die angekündigte Wirtschaftswende bislang ausgeblieben sei. Statt eines schlüssigen Gesamtkonzepts erlebe der Mittelstand Einzelmaßnahmen, neue Belastungen und zu wenig Mut zu strukturellen Reformen. Seine zentrale Botschaft: Der Mittelstand ist mehr als ein Wirtschaftsfaktor. Er schafft Arbeitsplätze, trägt gesellschaftliche Verantwortung, investiert in Regionen, Vereine, Integration und Ausbildung – und tut dies auf eigenes Risiko. Deshalb müsse er selbstbewusster auftreten. „Wir müssen lauter werden“, so der Tenor seiner Rede.
Wettbewerbsfähigkeit sichern
Der stellvertretende bayerische Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) knüpfte daran mit einer kämpferischen Rede an. Er zeichnete ein zugespitztes Bild einer Wirtschaft, die durch immer neue Vorgaben aus Berlin und Brüssel belastet werde. Besonders kritisch sah Aiwanger überbordende Regulierung, Energiepolitik, Bürokratiepflichten und europäische Vorgaben wie Berichtspflichten oder neue Umweltauflagen. Seine Diagnose: Deutschland habe international an Wettbewerbsfähigkeit verloren und müsse sich aus eigener Kraft wieder herausarbeiten.
Aiwanger forderte einen gesellschaftlichen Mentalitätswandel zugunsten von Leistung, Eigentum, Unternehmertum und technologischem Fortschritt. Gerade Bayern zeige mit starken Branchen wie Maschinenbau, Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Künstlicher Intelligenz und Start-ups, dass Deutschland weiterhin über enorme Potenziale verfüge. Entscheidend sei, diese Kräfte nicht durch Regulierung zu bremsen, sondern freizusetzen.
Auch Martin Hagen, neu gewählter FDP-Generalsekretär und Fraktionschef der FDP im Bayerischen Landtag, setzte auf Reformen und einen neuen Leistungsbegriff. Er dankte den Mittelständlern ausdrücklich für ihre Wertschöpfung und kritisierte politische Debatten, in denen Leistungsträger häufig nur als „breite Schultern“ für neue Belastungen gesehen würden. Hagen forderte niedrigere Steuern und Abgaben, weniger Bürokratie, eine realistischere Energiepolitik und eine grundsätzliche Wertschätzung für Risiko, Verantwortung und Unternehmertum.
Ehrung eines engagierten Mittelständlers
Ein Höhepunkt des Unternehmertreffens war die Ernennung von Dr. Ulrich Viethen zum Wirtschaftssenator h.c. Ahlhaus würdigte ihn als herausragende Unternehmerpersönlichkeit mit internationaler Industrieerfahrung, technologischem Weitblick und starkem gesellschaftlichem Engagement. Viethen, promovierter Maschinenbauingenieur und seit 2019 CEO der Murrelektronik-Gruppe, stehe für industrielle Innovation, dezentrale Automatisierung und die Vermittlung von Technikbegeisterung an die nächste Generation. Ahlhaus hob insbesondere Viethens Engagement in Bildungsinitiativen, Wasserstoffprojekten und technischen Zukunftsthemen hervor. Mit rund 3.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von etwa 500 Millionen Euro weltweit verkörpere Murrelektronik jene mittelständische Stärke, die Deutschland dringend brauche.
In seiner Dankesrede zeigte sich Viethen überzeugt, dass Deutschland weiterhin über enorme Innovationskraft verfüge. Entscheidend sei, diese Kräfte freizusetzen und nicht in Pessimismus oder endlosen politischen Debatten zu verharren. Unternehmer müssten Fakten schaffen, die nicht ignoriert werden könnten. Sein Appell: Deutschland habe die Fähigkeiten, technologisch weiterhin an der Spitze mitzuspielen – wenn Wirtschaft, Gesellschaft und Politik wieder mehr Vertrauen in die eigene Stärke entwickelten. (ls)