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Das Leben hinterlässt keine Spuren
Frank Schmeichel, Verleger BERLINboxx | © BERLINboxx

Das Leben hinterlässt keine Spuren

19. August 2026

Robert Seethalers „Die Straße“ und die verstörende Bedeutung des Unbedeutenden

Buchkritik von Frank Schmeichel

Es gibt Bücher, die von außergewöhnlichen Menschen und außergewöhnlichen Ereignissen erzählen. Robert Seethaler interessiert das Gegenteil. In seinem neuen Roman „Die Straße“ richtet er den Blick auf Menschen, deren Leben kaum jemanden interessieren. Und genau daraus entwickelt dieses Buch seine Faszination. Das ist bei Seethaler nicht neu. Schon in seinem grandiosen Roman „Ein ganzes Leben“ machte er aus der Biografie des einfachen Andreas Egger große Literatur. Ein Mann in einem abgelegenen Alpental, ein Leben voller Arbeit und Entbehrungen, eine Liebe, Verluste, Alter und Tod. Eigentlich nichts, was Eingang in irgendein Geschichtsbuch finden würde. Und doch erzählte Seethaler dieses eine Leben so, dass darin plötzlich etwas Allgemeingültiges sichtbar wurde.

In „Die Straße“ treibt er dieses Prinzip weiter. Wieder geht es nicht um die Gewinner, sondern um Menschen, an denen man normalerweise vorbeigeht. Ihre Existenzen sind dürftig, manchmal deprimierend, oft einsam. Sie haben Hoffnungen, die sich nicht erfüllen, Beziehungen, die scheitern, Erinnerungen, an denen sie festhalten. Sie lieben, fürchten sich, verzweifeln, warten. Viel mehr geschieht häufig nicht.

Und merkwürdigerweise möchte man weiterlesen. Denn aus diesen Banalitäten entsteht nach und nach ein faszinierendes Kaleidoskop. Seethaler braucht keine großen Katastrophen, um von Einsamkeit, Angst, Liebe, Verlust, Trostlosigkeit oder Verzweiflung zu erzählen. Er findet all das im gewöhnlichen Alltag. In einem Blick, einer Begegnung, einer Erinnerung, einem Satz. Das vermeintlich Belanglose wird für einen Augenblick wichtig. Die einzelnen Momentaufnahmen stehen für sich und ergeben dennoch ein Ganzes. Und dieses Gesamtbild ist düsterer, als es zunächst scheint. Es erzählt von Leben, die irgendwann enden, ohne nennenswerte Spuren hinterlassen zu haben. Keine Denkmäler, keine großen Geschichten, vielleicht schon nach wenigen Jahrzehnten nicht einmal mehr eine Erinnerung. Andere Menschen kommen nach und leben weiter. Das ist die verstörende Seite dieses Romans.

Man kann „Die Straße“ deshalb auch als einen beinahe verzweifelten Versuch lesen, wenigstens etwas von diesen Existenzen festzuhalten. Seethaler entreißt Augenblicke dem Vergessen, obwohl er weiß, dass auch sie verschwinden werden. Literatur wird für einen Moment zum Gedächtnis jener Menschen, die sonst keines hätten. Darin liegt eine eigentümliche Paradoxie: Seethaler erzählt von der Bedeutungslosigkeit und verleiht ihr dadurch Bedeutung. Seine Sprache hilft ihm dabei. Sie ist knapp, unsentimental und manchmal geradezu spröde. Seethaler erklärt seine Figuren nicht aus. Er beobachtet sie. Er überhöht sie auch nicht zu heimlichen Helden, nur weil sie es im Leben schwer haben. Das macht sie glaubwürdig und bisweilen unangenehm nah. Natürlich kann man gegen dieses Buch einwenden, dass die Tristesse irgendwann schwer wiegt. Aber vielleicht muss sie das. Denn Seethaler verweigert seinem Leser die beruhigende Vorstellung, jedes Leben müsse einen höheren Sinn besitzen und jede Biografie am Ende eine erzählenswerte Geschichte ergeben.

Die pessimistische Formel dieses Romans könnte vielmehr lauten: Nichts bleibt. Nichts lohnt zu erinnern. Nichts. Und dann ist da doch dieses Buch. Genau darin liegt seine Größe. Denn solange jemand diese Geschichten erzählt und ein anderer sie liest, ist wenigstens für einen Augenblick etwas geblieben. Robert Seethaler hat mit „Die Straße“ kein gefälliges Buch geschrieben. Aber ein faszinierendes. Eines, das aus der Banalität des Lebens Literatur macht – und einen nach der letzten Seite mit einer unangenehmen Frage zurücklässt: Was eigentlich wird von uns selbst einmal bleiben?

BUCHANGABEN

Robert Seethaler: Die Straße. Roman. Claassen Verlag 2026. 240 Seiten, DE 25 Euro / AT 25,70 Euro. ISBN 978-3-546-10033-5



Zum Autor: Frank Schmeichel ist Verleger des BERLINboxx Business Magazins. Er studierte Literaturwissenschaft und Philosophie, arbeitete als Journalist und Autor und gilt als einer der Pioniere des Privatradios. Anfang der 1990er-Jahre leitete er die Unternehmenskommunikation der Verlagsgruppe Ullstein Langen Müller. Er ist heute auch Gastgeber des TV-Talk-Formats "Capital Player" beim Hauptstadtsender tv.berlin.