Wohnungsbau als Standortfrage: Kai Wegner wirbt beim BBU für Klarheit, Neubau und Tempo
Branchentreffpunkt im Tempelhofer Hafen
Der Parlamentarische Abend der sozialen Wohnungswirtschaft des BBU Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V. hat am 8. Juli 2026 im Pier 13 am Tempelhofer Hafen erneut gezeigt, wie eng Wohnungsbau, Stadtentwicklung und Standortpolitik inzwischen miteinander verbunden sind. Hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung, Wohnungswirtschaft und Immobilienbranche kamen zusammen, um über die Zukunft des Bauens, Sanierens und Investierens in Berlin und Brandenburg zu sprechen. Zu den Gästen gehörten unter anderem Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner sowie Brandenburgs Infrastrukturminister Robert Crumbach.
Maren Kern fordert politische Klarheit
BBU-Vorständin Maren Kern eröffnete den Abend mit einem deutlichen Plädoyer für politische Klarheit. Wohnungswirtschaft brauche keine neuen Scheindebatten, sondern verlässliche Rahmenbedingungen und eine ehrliche Benennung der Folgen politischer Entscheidungen. Besonders kritisch wandte sie sich gegen neue Enteignungsdebatten, Mietdeckel-Forderungen und zusätzliche Regulierung auf dem Wohnungsmarkt. Solche Vorschläge hätten unmittelbare Auswirkungen auf Investitionsklima, Finanzierung, Planungsgeschwindigkeit und Neubauförderung.
„Klarheit ist keine Frage der Lautstärke. Wer laut ist, ist noch lange nicht klar. Und wer klar ist, muss nicht laut sein“, sagte Maren Kern. Der BBU verstehe sich dabei als Stimme der Praxis – und als Partner eines Dialogs, der bei zentralen Reformprojekten bereits Wirkung gezeigt habe: beim Schneller-Bauen-Gesetz, beim Einfacher-Bauen-Gesetz, bei der Novellierung der Brandenburger Bauordnung sowie bei der Weiterentwicklung der Wohnungsbauförderung in Berlin und Brandenburg.
Kai Wegner: Wohnungsbau bleibt Priorität
Kai Wegner griff diesen Gedanken in seiner Rede auf und formulierte den Wohnungsbau als zentrale Zukunftsaufgabe der Hauptstadt. Der Regierende Bürgermeister dankte dem BBU und seinen Mitgliedsunternehmen ausdrücklich für den offenen Dialog auf Augenhöhe. Die Mitgliedsunternehmen des Verbandes verwalten nach seinen Angaben rund 45 Prozent des Berliner Mietwohnungsbestandes – ein Gewicht, das auch politisch deutlich spürbar sei.
Wegner verwies auf die in den vergangenen Jahren erreichten Reformschritte des Senats: Bauturbo, Verwaltungsreform, Novelle der Landesbauordnung, Schneller-Bauen-Gesetz und Einfacher-Bauen-Gesetz. In der Senatskommission Wohnungsbau gelte inzwischen eine klare Zielrichtung: Am Ende müsse gebaut werden. In einer angespannten Marktlage mit hohen Zinsen, Fachkräftemangel und gestiegenen Baukosten sei das keine Selbstverständlichkeit.
80.000 neue Wohnungen als politisches Signal
Besonders viel Applaus erhielt Kai Wegner für seine Bilanz: Bis zum Ende der Legislaturperiode werde Berlin rund 80.000 neue Wohnungen geschaffen haben. Das Ziel seien ursprünglich 100.000 Wohnungen gewesen, so Wegner. Angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen seien 80 Prozent Zielerreichung jedoch ein starkes Signal. 80.000 Wohnungen bedeuteten Wohnraum für rund 160.000 Menschen – also für eine Stadt in der Größenordnung Heidelbergs.
Zugleich machte Wegner deutlich, dass Berlin zusätzliche Potenziale nutzen müsse. Dazu zählten höhere Dichten, Aufstockungen, die Überbauung von Supermarktflächen sowie eine neue Debatte über das Tempelhofer Feld. Er verwies auf eine Architekten- und Fachinitiative, die ein Konzept für bis zu 21.400 Wohnungen und Wohnraum für rund 50.000 Menschen auf dem ehemaligen Flughafengelände vorgelegt habe. Berlin müsse sich solchen Debatten stellen, wenn die Stadt weiter wachsen und gleichzeitig bezahlbaren Wohnraum schaffen wolle.
Klare Absage an Enteignungen
Scharf wandte sich Kai Wegner gegen Enteignungen, die er als Gefahr für Mieterinnen und Mieter, Investitionsfähigkeit und den Wirtschaftsstandort bezeichnete. Enteignungen würden kein Wohnungsproblem lösen, sondern neue Probleme schaffen. Stattdessen brauche Berlin funktionierenden Mieterschutz, Neubau in allen Preissegmenten und mehr Mut zum Wohneigentum. Berlin bleibe eine Mieterstadt, so Wegner, doch eine Wohneigentumsquote von rund 15 Prozent sei eindeutig zu niedrig.
Für die Branche wurde an diesem Abend deutlich: Die Wohnungsfrage ist längst nicht mehr nur eine soziale Frage, sondern auch eine Standortfrage. Berlin zieht Fachkräfte, Unternehmen und internationale Talente an. Wer in der Stadt arbeiten soll, muss hier auch wohnen können. Dafür braucht es mehr Tempo, mehr Planungssicherheit und neue technische Antworten auf eine strukturelle Baukrise.
All3: Technologie als Teil der Bauwende
Zu den Vertretern der innovativen Bauwirtschaft gehörte auch Wulf von Borzyskowski, CEO von All3 Construction Germany. Seine Teilnahme unterstrich, dass die Debatte über mehr Wohnraum nicht allein politisch oder regulatorisch geführt werden kann, sondern zunehmend auch eine technologische Dimension hat: Wie lässt sich schneller, präziser und wirtschaftlicher bauen, ohne Abstriche bei Qualität und Nachhaltigkeit zu machen?
Aus Sicht von Wulf von Borzyskowski müssen politische Beschleunigung und technologische Innovation zusammengedacht werden. „Wenn Berlin schneller, nachhaltiger und bezahlbarer bauen will, reicht es nicht, nur über Verfahren zu sprechen. Wir müssen auch die Produktivität des Bauens selbst neu denken – mit digitaler Planung, industrieller Vorfertigung und robotergestützten Prozessen. Genau dort entscheidet sich, ob aus politischen Zielen tatsächlich gebaute Realität wird“, so von Borzyskowski.
All3 setzt auf KI-gestützte Planung, robotergestützte Fertigung und nachhaltige Holzbauweise, um Bauprozesse schneller, präziser und skalierbarer zu machen. Damit steht das Unternehmen exemplarisch für eine neue Generation von Bauakteuren, die nicht nur über mehr Wohnraum spricht, sondern über neue Wege, ihn zu realisieren.
Schulterschluss zwischen Politik und Praxis
Der Parlamentarische Abend des BBU wurde damit zu mehr als einem Branchentreffen. Er zeigte den Schulterschluss zwischen Politik und Praxis – und zugleich den Erwartungsdruck an die kommenden Jahre. Die Botschaft des Abends war klar: Berlin hat die Instrumente für schnelleres Bauen auf den Weg gebracht. Jetzt kommt es darauf an, sie konsequent anzuwenden, weitere Potenziale zu erschließen und den Wohnungsbau als gemeinsame Aufgabe von Politik, Verwaltung, Wohnungswirtschaft und innovativen Bauunternehmen voranzutreiben. (eg)