25 Jahre BERLINboxx
BusinessMagazin
Was KI heute möglich macht. Und warum Sie nicht mehr wegsehen sollten
Detlef M. Korus, Journalist, Unternehmer, Kolumnist der BERLINboxx | © Korus Digital Marketing Services UG (KI-bearbeitet)

Was KI heute möglich macht. Und warum Sie nicht mehr wegsehen sollten

05. November 2026

Der Journalist und Unternehmer Detlef Korus hinterfragt exklusiv für die BERLINboxx jede Woche den Umgang mit KI im Unternehmensalltag. 

von Detlef Korus

Drei Meldungen aus einer einzigen Woche: Ein Bauteil, das per Zuruf entsteht. Eine Warnung vor Geschichten, die keiner mehr erzählt. Und ein Forscher, der sich an einem Samstagvormittag sein eigenes YouTube baut. Jede für sich wäre eine Randnotiz. Zusammen zeigen sie, wie schnell die Hürde zwischen Idee und Ergebnis gerade fällt.

Text-to-CAD: ein Bauteil aus dem Gespräch

Jeff Deehan ist Immobilienentwickler in Michigan und bastelt in seiner Werkstatt. Er braucht ein Stahlteil, um einen Camper an seinem Truck zu befestigen. Laut Wirtschaftsmagazin Business Insider beschreibt er das Teil einem KI-Chatbot, einfach im Gespräch. Nach fünf Minuten steht die technische Zeichnung. Die KI bestellt das Teil bei einem Fertigungsbetrieb und bezahlt 156 Dollar. Zehn Tage später liegt das Bauteil vor seiner Tür.

Fachleute nennen das „Text-to-CAD“. CAD ist die Software, mit der Ingenieure Bauteile am Computer konstruieren. Neu ist: Statt zu konstruieren, beschreibt man in ganzen Sätzen, was man braucht. Ein frei verfügbares Programm dafür haben schon über 24.000 Entwickler via GitHub weltweit mit einem Lesezeichen markiert. Es prüft auch, ob sich das Teil überhaupt herstellen lässt, und schickt die Datei direkt an einen 3D-Drucker oder eine computergesteuerte Fräse.

Achtung: Die Grenzen sind gleichwohl real. Ein Entwickler hat rund 2.000 Dollar für Fehlbestellungen ausgegeben, bevor sein Roboterarm für 200 Dollar endlich passte. Ein anderer hat ein Gehäuse 15-mal neu gedruckt. Was das für Ihren Betrieb heißt? Nun, Muster, Ersatzteil oder Halterung rücken in Reichweite von Leuten, die nie Konstruktion gelernt haben. Prüfen muss sie gerade deshalb jemand, der weiß, was das Teil aushalten muss.

Zu weit weg für Sie? Vor wenigen Tagen hat der Chiphersteller NVIDIA auf seiner Konferenz GTC Berlin ja gezeigt, wie KI künftig Fabriken und Roboter steuern soll. Erfreulich zu lesen, dass der Berliner Senat die Stadt bis 2030 zur europäischen Hauptstadt des 3D-Drucks machen will. Wer in Berlin ein Muster oder Ersatzteil braucht, findet die Fertiger also gleich um die Ecke.

KI-Slop: Warum gute Business-Geschichten verschwinden

Die Kehrseite des Tempos heißt im Englischen „Slop“, auf Deutsch KI-Müll: massenhaft erzeugte Texte, Bilder und Meldungen ohne Substanz. Wie groß die Flut ist, zeigt ein Beispiel. Die Software OpenSSL sichert einen Großteil der verschlüsselten Verbindungen im Internet ab, etwa beim Onlinebanking. Ihre Betreuer bekamen laut dem US-Nachrichtenportal Axios im Sommer 71 Hinweise auf mögliche Sicherheitslücken pro Monat, im Vorjahr waren es neun. Ein großer Teil davon stammt aus der KI und hält einer Prüfung nicht stand.

Zack Proser entwickelt beim US-Softwareanbieter WorkOS KI-Werkzeuge. Über die Flut hat er einen Vortrag gehalten, Titel frei übersetzt: „Ich fürchte keinen KI-Müll. Ich fürchte die Geschichten, die nie erzählt werden.“ Seine Sorge: Wer wirklich etwas zu erzählen hat, schweigt, weil im Rauschen ohnehin alles untergeht.

In seiner Firma schreibt deshalb eine KI Entwürfe für Blogbeiträge der Kollegen, nach Prosers Angaben zu 85 bis 90 Prozent fertig. Jede Aussage muss mit einer Quelle belegt sein. Dann prüft ein Mensch, korrigiert und gibt frei. Genutzt wurde das Werkzeug übrigens erst, als es in das Chatprogramm einzog, in dem die Belegschaft ohnehin den ganzen Tag arbeitet.

Warum das für Sie zählt: Menschen orientieren sich an dem, was andere vormachen. Ein Kunde, der nachlesen kann, wie Ihre Umstellung gelungen ist, traut sich eher selbst. Verstummen die guten Beispiele, lernt der Markt vom Müll.

Wenn Ideen zu Bauteilen werden: KI macht Konstruktion und Fertigung zunehmend auch ohne technisches Spezialwissen zugänglich | KI generiert
Wenn Ideen zu Bauteilen werden: KI macht Konstruktion und Fertigung zunehmend auch ohne technisches Spezialwissen zugänglich | KI generiert

Eigener YouTube-Kanal mit KI: das Beispiel HackerTube

Andrej Karpathy, Mitgründer von OpenAI, dem Unternehmen hinter ChatGPT, und früher KI-Chef bei Tesla, saß an einem Freitag um 23 Uhr vor YouTube. Er sah, so schreibt er in seinem Blog, eine Wand aus Müll. Reißerische Vorschaubilder, immer dieselben Empfehlungen.

Am Samstagmorgen gab er einer KI den Auftrag, ihm sein eigenes YouTube zu bauen. Die KI durchsuchte das Internetforum Hacker News, in dem sich Programmierer seit 2007 austauschen. Dort fand sie 40.000 Empfehlungen für YouTube-Videos. Daraus wurden 6.454 Videos zu 150 Themen, mit eigener Startseite, ohne Anmeldung und ohne Werbung. Dauer: etwa zwei Stunden. Selbst erledigt hat Karpathy nur drei Handgriffe: einen Zugang bei Google beantragen, einen Speicherplatz im Internet mieten und eine Internetadresse kaufen.

Das lässt sich übertragen. Was in Ihrer Branche sehenswert ist, steht in Fachforen, Newslettern und Kommentaren von Kollegen. Daraus kann eine KI Ihnen einen eigenen Kanal bauen, der nur zeigt, was Fachleute empfehlen.

Was bleibt, wenn die Hürde fällt

Alle drei Geschichten haben denselben Kern. Die Maschine liefert schnell. Was sie nicht liefert, ist das Urteil, ob das Teil hält, ob die Geschichte stimmt, ob das Video taugt. Das bleibt bei Ihnen.

Meine Frage an Sie für diese Woche: Welche gute Geschichte aus Ihrem Unternehmen haben Sie dieses Jahr nicht erzählt?

Ich wünsche Ihnen maximal produktive Denkzeit, dank oder trotz KI, wie immer Sie sich entscheiden.