Tempelhofer Feld: Evers macht Randbebauung zum Wahlkampfthema
Berlins CDU-Spitzenkandidat will Wohnungsbau auf dem früheren Flughafenareal vorantreiben
Immobilienwirtschaft fordert sachliche Debatte statt Denkverbote
Wohnungsbau statt Stillstand
Das Tempelhofer Feld rückt erneut ins Zentrum der Berliner Wohnungspolitik. CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers will die Randbebauung des früheren Flughafenareals zu einem zentralen Thema der Abgeordnetenhauswahl machen. Angesichts der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt hält Evers neue Wohnungen am Rand des Feldes für notwendig und verweist auf das Potenzial, Wohnraum für zehntausende Menschen zu schaffen.
Damit verschärft sich eine der emotionalsten stadtentwicklungspolitischen Debatten Berlins. Seit dem Volksentscheid von 2014 ist das Tempelhofer Feld durch das sogenannte Tempelhofer-Feld-Gesetz vor Bebauung geschützt. Damals hatten sich die Berliner gegen die Pläne des Senats ausgesprochen. Befürworter einer neuen Debatte argumentieren jedoch, dass sich die Rahmenbedingungen seitdem grundlegend verändert haben: Die Bevölkerung ist gewachsen, die Mieten sind weiter gestiegen, Baukosten und Finanzierungskosten belasten Projektentwicklungen, zugleich kommt der Wohnungsneubau nicht ausreichend voran.
Freiraum erhalten, Ränder nutzen
Evers setzt damit auf eine klare Konfrontation mit dem bisherigen Stillstand. Nach seiner Lesart geht es nicht darum, das Tempelhofer Feld als Freiraum aufzugeben, sondern seine Ränder städtebaulich zu nutzen. Der zentrale Grünraum soll erhalten bleiben.
Genau an diesem Punkt dürfte sich die politische Auseinandersetzung entzünden: Für Gegner der Randbebauung bleibt jede Änderung des bestehenden Schutzstatus ein Eingriff in ein Symbol direkter Demokratie und urbaner Freiheit. Befürworter sehen darin hingegen eine notwendige Anpassung an die Realität einer wachsenden Stadt.
Moraitis: „Berlin kann sich keine Denkverbote mehr leisten“
Aus Sicht der Immobilienwirtschaft ist die neue Debatte überfällig. Projektentwickler Ioannis Moraitis spricht sich für einen pragmatischen Umgang mit dem Thema aus.
„Berlin kann sich keine Denkverbote mehr leisten. Wer bezahlbaren Wohnungsbau will, muss auch über schwierige Flächen sprechen – sachlich, städtebaulich hochwertig und mit Respekt vor dem öffentlichen Raum. Das Tempelhofer Feld ist emotional aufgeladen, aber die Wohnungsnot ist real. Entscheidend wäre deshalb nicht irgendeine Bebauung, sondern ein kluges, sozial ausgewogenes und architektonisch anspruchsvolles Konzept, das neuen Wohnraum schafft und die Qualität des Freiraums erhält“, erklärt Moraitis.
Reformen brauchen Flächen
Die Debatte fällt in eine Phase, in der Berlin versucht, den Wohnungsbau wieder zu beschleunigen. Mit dem Schneller-Bauen-Gesetz, dem Gesetz für einfaches Bauen und der Verwaltungsreform will der Senat Verfahren vereinfachen, Standards überprüfen und Investitionen erleichtern.
Doch selbst die besten Reformen greifen nur, wenn ausreichend Flächen aktiviert werden. Genau hier liegt die strategische Brisanz des Tempelhofer Feldes. Wer mehr Tempo beim Wohnungsbau fordert, muss auch beantworten, wo in einer wachsenden Stadt künftig gebaut werden kann.
Ein politisches Risiko für die CDU
Gleichzeitig bleibt die politische Hürde hoch. SPD, Grüne und Linke haben sich in der Vergangenheit überwiegend gegen eine Randbebauung positioniert. Für die CDU kann das Thema deshalb zum Profilierungsfeld werden – aber auch zum Risiko. Denn das Tempelhofer Feld ist nicht irgendeine Fläche. Es ist Projektionsraum, Freizeitort, Klimafläche und politisches Symbol zugleich.
Gerade deshalb wird entscheidend sein, ob die Debatte ideologisch oder konzeptionell geführt wird. Eine seriöse Randbebauung müsste Fragen nach sozialer Mischung, Klimaanpassung, Infrastruktur, Verkehr, Architekturqualität und öffentlichem Mehrwert beantworten. Einfach nur „bauen“ reicht nicht. Aber einfach gar nicht mehr darüber zu sprechen, passt ebenfalls nicht zur Lage einer Stadt, die dringend neuen Wohnraum braucht.
Prüfstein für Berlins Stadtentwicklung
Das Tempelhofer Feld wird damit zum Prüfstein für Berlins Fähigkeit, Zielkonflikte auszuhalten. Die Stadt braucht Freiräume – und Wohnungen. Sie braucht Klimaschutz – und bezahlbare Mieten. Sie braucht Respekt vor Bürgerentscheidungen – und politische Antworten auf eine veränderte Realität.
Evers hat die Debatte neu eröffnet. Nun muss Berlin zeigen, ob daraus mehr entsteht als ein Wahlkampfthema. (red)