Stadtforum Berlin: Infrastrukturwende braucht integriertes Denken
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zieht Fachleute aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft an einen Tisch – Christian Gaebler wirbt für eine neue Kultur des Planens
Wie kann eine Metropole mit wachsender Bevölkerung, steigenden Klimaanforderungen und begrenzten Flächen ihre Zukunft sichern? Mit dieser Frage beschäftigte sich das Stadtforum Berlin am Dienstagabend im Silent Green Kulturquartier in Wedding. Unter dem Titel „Infrastrukturen zusammendenken – [Un]sichtbare [Infra]strukturen Berlins zukunftsfähig weiterentwickeln“ hatte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen Vertreter aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Stadtgesellschaft eingeladen, um über die nächste Stufe der Berliner Stadtentwicklung zu diskutieren.
Im Mittelpunkt stand dabei eine Erkenntnis, die sich wie ein roter Faden durch alle Beiträge zog: Die Herausforderungen der Zukunft lassen sich nicht mehr sektorweise lösen. Energieversorgung, Mobilität, soziale Infrastruktur, Klimaanpassung, Wasserwirtschaft und Freiraumentwicklung müssen künftig als zusammenhängendes System betrachtet werden.
Den Auftakt machte Berlins Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler. Er stellte die Infrastrukturwende als zentrale Voraussetzung für ein lebenswertes, gerechtes und klimaresilientes Berlin heraus. Ziel müsse es sein, technische, soziale und ökologische Infrastrukturen frühzeitig miteinander zu verzahnen und in die Quartiersentwicklung zu integrieren. Die Zeit isolierter Fachplanungen gehe zu Ende. Stattdessen brauche es integrierte Strategien, die Flächen effizient nutzen und Synergien zwischen unterschiedlichen Infrastrukturbedarfen schaffen.
Für den wissenschaftlichen Impuls sorgte Jochen Monstadt vom Deutschen Institut für Urbanistik. In seiner Keynote machte er deutlich, dass Infrastruktur längst mehr sei als technische Versorgung. Sie bilde das Rückgrat einer funktionierenden Stadtgesellschaft und müsse stärker als Bestandteil einer nachhaltigen Stadtentwicklung verstanden werden. Die Infrastrukturwende sei daher nicht allein eine technische, sondern vor allem eine planerische und gesellschaftliche Aufgabe.
Besonders praxisnah wurden die Diskussionen in den vier Dialogforen. Dort standen die gemeinwohlorientierte Infrastrukturentwicklung neuer Quartiere, innovative Ansätze für den Gebäudebestand, die sogenannte Multicodierung von Flächen sowie die strategische Infrastrukturplanung im Mittelpunkt. Vertreter der Berliner Stadtwerke, der Berliner Forsten, von Stromnetz Berlin, verschiedener Bezirksämter sowie Stadtplanungs- und Forschungsinstitutionen diskutierten konkrete Lösungsansätze für die Hauptstadt.
Große Aufmerksamkeit erhielt auch das moderierte Gespräch mit dem Leipziger Baubürgermeister Thomas Dienberg, der Reinickendorfer Baustadträtin Korinna Stephan sowie der Stadtmanagement-Prof. Dr.-Ing. Silke Weidner. Dabei wurde deutlich, dass viele deutsche Städte vor vergleichbaren Herausforderungen stehen: steigender Flächendruck, zunehmende Anforderungen an Klimaanpassung und Energieversorgung sowie die Notwendigkeit, Infrastrukturinvestitionen langfristig und integriert zu planen.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis des Abends lautete: Infrastruktur muss früher mitgedacht werden. Ob Wohnungsbau, Gewerbeentwicklung oder Quartiersplanung – Energie, Mobilität, soziale Einrichtungen, Grünflächen und Wasserwirtschaft dürfen nicht erst am Ende eines Planungsprozesses berücksichtigt werden, sondern müssen von Beginn an Teil der städtebaulichen Konzeption sein. Gerade die zunehmende Flächenknappheit macht Mehrfachnutzungen und intelligente Verknüpfungen unterschiedlicher Funktionen erforderlich.
Das Stadtforum verstand sich zugleich als Abschluss und Zusammenführung einer mehrjährigen Veranstaltungsreihe zu den „unsichtbaren Infrastrukturen“ Berlins. Nachdem zuvor Themen wie Wasser, Kreislaufwirtschaft, soziale Infrastruktur und Energieversorgung behandelt wurden, stand nun die Frage im Mittelpunkt, wie diese Bereiche künftig systematisch miteinander verknüpft werden können.
Positive Signale für die Immobilien- und Stadtentwicklungswirtschaft
Aus Sicht vieler Teilnehmer sendete das Stadtforum auch ein wichtiges Signal an Investoren, Projektentwickler und die Bauwirtschaft. Denn integrierte Planung schafft nicht nur mehr Nachhaltigkeit, sondern erhöht zugleich die Planungssicherheit und die langfristige Wirtschaftlichkeit von Projekten.
Der Berliner Projektentwickler Ioannis Moraitis bewertet die Ergebnisse des Stadtforums entsprechend positiv: „Berlin setzt mit diesem Stadtforum ein wichtiges Zeichen. Die Zukunft erfolgreicher Stadtentwicklung liegt nicht mehr im Nebeneinander einzelner Fachdisziplinen, sondern im intelligenten Zusammenspiel von Wohnen, Energie, Mobilität, Digitalisierung und sozialer Infrastruktur. Besonders erfreulich ist, dass Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft zunehmend an einem gemeinsamen Verständnis arbeiten. Für Projektentwickler schafft dies die Grundlage, Quartiere nicht nur schneller, sondern auch nachhaltiger und langfristig werthaltiger zu entwickeln.“
Das Stadtforum Berlin hat deutlich gemacht, dass die Infrastrukturfrage zu einer der entscheidenden Zukunftsfragen der Hauptstadt geworden ist. Die Veranstaltung lieferte weniger spektakuläre Einzelentscheidungen als vielmehr eine strategische Orientierung: Weg von isolierten Lösungen, hin zu einer integrierten Infrastrukturplanung. Für die wachsende Metropole Berlin dürfte genau darin einer der wichtigsten Schlüssel liegen, um Wachstum, Klimaschutz und Lebensqualität künftig miteinander zu verbinden. (ls)