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Sie kamen als Gastarbeiter – ihre Kinder prägen Deutschland
(v.r.) Özcan Mutlu mit Klaus Wowereit, ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, und Gerhard Wilhelm, Sprecher der Geschäftsführung der Spielbank Berlin | © BERLINboxx

Sie kamen als Gastarbeiter – ihre Kinder prägen Deutschland

30. Oktober 2026

65 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen: Bundeskanzler Friedrich Merz würdigt persönlich Özcan Mutlu und dessen Buch „60 Jahre – Wie Deutschland zur Heimat wurde“. Bereits 2021 hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Werk mit einem Geleitwort begleitet. Eine Rezension über ein Buch, das seiner Zeit voraus war.

Von Frank Schmeichel, Verleger BERLINboxx

Es ist eine bemerkenswerte Anerkennung für ein Buch, das bereits vor fünf Jahren erschienen ist. Beim Festakt zum 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens am 20. Oktober 2026 in Berlin richtete Bundeskanzler Friedrich Merz seine ersten Worte an Özcan Mutlu: „Sehr geehrter, lieber Herr Mutlu“. Im weiteren Verlauf seiner Rede würdigte Merz ausdrücklich den 2021 von Mutlu herausgegebenen Sammelband „60 Jahre – Wie Deutschland zur Heimat wurde“.

Er erinnerte an die Lebensleistungen türkischer Einwanderer und ihrer Nachkommen, an ihren Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands und an die Persönlichkeiten, die heute Wissenschaft, Kultur, Politik und Gesellschaft prägen. Dabei nannte er u.a. die BioNTech-Gründer Prof. Dr. Uğur Şahin und Prof. Dr. med. Özlem Türeci sowie Persönlichkeiten aus Literatur, Film und Sport. Dann schlug der Bundeskanzler ausdrücklich die Brücke zu Mutlus Veröffentlichung. In dem vor fünf Jahren erschienenen Sammelband seien viele dieser bemerkenswerten Geschichten nachzulesen, erklärte Merz, bezeichnete das Buch als auch heute lesenswert und wandte sich mit den Worten „Danke für Ihre Initiative!“ persönlich an den Herausgeber.

Merz empfahl die Lektüre nicht allein wegen der außergewöhnlichen Lebenswege. Die Geschichten könnten, so der Kanzler sinngemäß, auch helfen, die Voraussetzungen gelingender Integration besser zu verstehen. Integration sei eine grundlegende Aufgabe einer modernen, pluralistischen Gesellschaft. Eine Würdigung, die über die übliche protokollarische Anerkennung hinausgeht. Dass ein CDU-Bundeskanzler das Werk eines früheren grünen Bundestagsabgeordneten bei einem solchen Festakt ausdrücklich hervorhebt, verleiht dieser Geste eine zusätzliche Bedeutung.

Bereits fünf Jahre zuvor hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dem Buch ein persönliches Geleitwort gewidmet. Darin würdigte er die Menschen, die seit 1961 aus der Türkei nach Deutschland gekommen waren, und ihre Nachkommen mit einem ebenso klaren wie bewegenden Bekenntnis: „Sie alle haben unsere Gesellschaft bereichert. Sie alle sind ein Teil von Deutschland! Sie alle gehören zu uns!“

Steinmeier erinnerte zugleich an die fortbestehenden Erfahrungen von Diskriminierung und Rassismus. Vor allem aber hob er hervor, wie sehr Deutschland von den Fähigkeiten, dem Engagement und den Lebensleistungen türkischstämmiger Menschen profitiert hat. Damit schließt sich ein bemerkenswerter Kreis. Was heute auf höchster staatlicher Ebene als bedeutendes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte gewürdigt wird, hat Özcan Mutlu bereits vor fünf Jahren in einer Sammlung außergewöhnlicher Lebensgeschichten eindrucksvoll dokumentiert.

Von der Werkbank in die Mitte der Gesellschaft

Als Deutschland und die Türkei am 30. Oktober 1961 das Anwerbeabkommen unterzeichneten, ging es zunächst um die Gewinnung dringend benötigter Arbeitskräfte. Die deutsche Wirtschaft boomte, in der Türkei suchten viele Menschen nach besseren Perspektiven. Die meisten rechneten mit einem Aufenthalt auf Zeit. Doch aus Jahren wurden Jahrzehnte, Familien folgten nach, Kinder wurden geboren. Deutschland wurde zur Heimat.

Mutlu versammelt in seinem Buch 27 Biografien von Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise ihren Platz in diesem Land gefunden und es mitgestaltet haben. Ihre Lebenswege führen in die Wissenschaft, die Wirtschaft, die Politik und das gesellschaftliche Leben. Gemeinsam ist ihnen ein bemerkenswerter Aufstieg, der ohne den Mut und die Entbehrungen ihrer Eltern und Großeltern kaum denkbar gewesen wäre. Zu den Porträtierten gehört Prof. Dr. Uğur Şahin, der mit BioNTech und der Entwicklung eines der ersten zugelassenen mRNA-Impfstoffe gegen COVID-19 Wissenschaftsgeschichte geschrieben hat.

Besonders eindrucksvoll ist auch die Lebensgeschichte von Aygül Özkan. Ihre Eltern betrieben eine Änderungsschneiderei in Hamburg-Altona. Die Tochter türkischer Einwanderer studierte Jura, machte Karriere in der Wirtschaft und wurde 2010 von Ministerpräsident Christian Wulff als erste Ministerin mit türkischen Wurzeln in eine deutsche Landesregierung berufen. Ein historischer Schritt, der weit über ihre persönliche Karriere hinaus Bedeutung erlangte. Heute ist Özkan Hauptgeschäftsführerin des Allgemeinen Immobilien Ausschusses (ZIA). Sie schildert in ihrem Beitrag eindringlich, wie entscheidend neben dem Bildungswillen ihrer Eltern die Unterstützung durch deutsche Nachbarn, Lehrer und Mentoren für ihren Lebensweg war.

Menschen, die ihr Türen öffneten, ihr etwas zutrauten und sie förderten. Ihre Geschichte zeigt, wie gesellschaftlicher Aufstieg gelingen kann, wenn persönlicher Ehrgeiz auf Offenheit und Vertrauen trifft. Doch sie berichtet auch von Anfeindungen und Morddrohungen, denen sie als Ministerin ausgesetzt war. Umso bemerkenswerter ist ihr unbeirrbarer Optimismus. Ihr Beitrag steht unter einem Leitsatz, der zugleich eine zentrale Botschaft des gesamten Buches sein könnte: „Wichtig ist nicht, wo man herkommt, sondern wohin man will.“

Ein Buch über Leistung, Herkunft und Zugehörigkeit

Die Stärke dieser Veröffentlichung liegt in der Verbindung persönlicher Lebensgeschichten mit einem großen gesellschaftlichen Thema. Mutlu interessiert sich nicht nur für das Ergebnis eines erfolgreichen Lebensweges, sondern auch für dessen Voraussetzungen. Für familiäre Prägungen, für Hindernisse und für die Frage, was es bedeutet, sich in einem Land zu Hause zu fühlen, in dem die eigene Zugehörigkeit mitunter noch immer infrage gestellt wird.

Natürlich erzählen 27 außergewöhnliche Persönlichkeiten nicht die gesamte Geschichte der türkischen Einwanderung. Das Buch ist keine umfassende Sozialgeschichte, und es will auch keine sein. Gerade die Konzentration auf herausragende Biografien macht jedoch sichtbar, welchen Beitrag Menschen türkischer Herkunft zur Entwicklung der Bundesrepublik geleistet haben. Dabei wäre es zu kurz gegriffen, diese Lebenswege ausschließlich als gelungene Integration zu beschreiben. Sie sind ebenso Ausdruck eigener Leistung, persönlicher Ambitionen und des selbstverständlichen Anspruchs, dieses Land mitzugestalten.

Özcan Mutlu – ein engagierter Brückenbauer

Ich kenne und schätze Özcan Mutlu seit vielen Jahren. Der frühere Bundestagsabgeordnete gehört für mich zu jenen Persönlichkeiten, die sich mit besonderer Beharrlichkeit für die deutsch-türkischen Beziehungen, Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe eingesetzt haben. Sein Engagement war dabei nie auf die parlamentarische Arbeit beschränkt. Als Sohn einer türkischen Einwandererfamilie kennt Mutlu viele der Erfahrungen, die in diesem Buch zur Sprache kommen, aus seinem eigenen Lebensumfeld. Das verleiht seiner Arbeit eine persönliche Glaubwürdigkeit. Er betrachtet die deutsch-türkische Geschichte nicht aus der Distanz, sondern als jemand, der ihre gesellschaftlichen Veränderungen selbst erlebt und politisch begleitet hat.

Mit der Auswahl der Porträts ist ihm ein überzeugendes Zeugnis jener Generationen gelungen, die sich ihren Platz in Deutschland erarbeitet haben. Bemerkenswert finde ich vor allem, dass die porträtierten Persönlichkeiten nicht auf ihre Herkunft reduziert werden. Ihre Leistungen stehen im Vordergrund. Die ausdrückliche Anerkennung durch Bundeskanzler Merz dürfte für Mutlu eine besondere Genugtuung sein. Nicht zuletzt, weil sein Engagement über viele Jahre hinweg auch von politischen Auseinandersetzungen und unterschiedlichen Vorstellungen über Integration und gesellschaftliche Teilhabe geprägt war.

Eine notwendige Erinnerung in polarisierten Zeiten

Fünf Jahre nach Erscheinen hat diese Veröffentlichung nichts von ihrer Bedeutung verloren. Im Gegenteil. In einer Zeit, in der die Debatten über Migration und Integration häufig von Konflikten, Zuspitzungen und gegenseitigen Vorbehalten geprägt sind, lohnt es sich, den Blick auf die tatsächlichen Lebensleistungen von Menschen zu richten. Mutlus Buch bietet dafür reichlich Anlass. Es erinnert daran, dass die Geschichte der Einwanderung nicht allein in politischen Entscheidungen, statistischen Erhebungen oder gesellschaftlichen Auseinandersetzungen besteht. Sie ist vor allem eine Geschichte von Menschen, ihren Hoffnungen und ihrer Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Für mich liegt darin der bleibende Wert dieses Buches. Özcan Mutlu hat ein Werk herausgegeben, das die Erfolgsgeschichte der türkischen Einwanderung und ihrer nachfolgenden Generationen eindrucksvoll beleuchtet, ohne die Schwierigkeiten dieses Weges auszublenden. Der 65. Jahrestag des Anwerbeabkommens bietet einen hervorragenden Anlass, es erneut zu lesen. Die staatlichen Würdigungen dieser Tage verleihen dem Buch eine zusätzliche Aktualität.

Sie bestätigen zugleich, wie vorausschauend es war, schon vor fünf Jahren den Blick auf jene Menschen zu richten, deren Lebensleistungen Deutschland nachhaltig verändert haben. Die deutsch-türkische Einwanderungsgeschichte ist keine Randnotiz der deutschen Nachkriegszeit. Sie gehört zu ihren prägenden Kapiteln.