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Mehr als ein Spiel: Wie Olympia Berlin verändern kann
Gerhard Wilhelm (r.), Sprecher der Geschäftsführung der Spielbank Berlin und Olympiabotschafter Ronald Rauhe (l.) im Gespräch in der Spielbank Berlin am Potsdamer Platz über die Chancen der Olympiabewerbung und die Rolle des Sports für die Stadt | BERLINboxx

Mehr als ein Spiel: Wie Olympia Berlin verändern kann

14. April 2026

Seit Jahren engagiert sich die Spielbank Berlin in der Sportförderung der Hauptstadt. Für Gerhard Wilhelm, Sprecher der Geschäftsführung, ist dieses Engagement Ausdruck einer Haltung: Sport verbindet, schafft Identifikation und stärkt den Zusammenhalt in der Stadt. Mit Ronald Rauhe, einem der erfolgreichsten deutschen Kanu-Rennsportler, Olympiabotschafter für Berlin, sechsmaligem Olympiateilnehmer, fünffachem Medaillengewinner und Fahnenträger von Tokio, spricht BERLINboxx über die Chancen einer Berliner Olympiabewerbung und darüber, warum Olympische und Paralympische Spiele weit mehr sein können als ein internationales Großereignis.

Die Debatte kommt zu einem Zeitpunkt, in dem die Zustimmung in der Hauptstadt spürbar gewachsen ist. Nach einer Ende März veröffentlichten Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des DOSB befürworten 60 Prozent der Berlinerinnen und Berliner grundsätzlich Olympische und Paralympische Spiele in Berlin. 77 Prozent haben von der Bewerbung gehört. Noch aufschlussreicher ist ein anderer Wert: Selbst unter den Skeptikern wären laut Umfrage 71 Prozent offen für einen Meinungswechsel, wenn der Nutzen der Spiele für Berlin überzeugend dargelegt wird. Genau an dieser Stelle setzt das Gespräch mit Rauhe und Wilhelm an.

Kampagnenmotiv der Berliner Olympiabewerbung mit Fokus auf Nachwuchsförderung und gesellschaftliche Teilhabe durch den Sport | Berlin Partner
Kampagnenmotiv der Berliner Olympiabewerbung mit Fokus auf Nachwuchsförderung und gesellschaftliche Teilhabe durch den Sport | Berlin Partner

Vom Fahnenträger zur Verantwortung

Schon Rauhes Blick auf den Moment als Fahnenträger zeigt, wie stark er Sport über das rein Athletische hinaus denkt. In Tokio trug er bei der Abschlussfeier die deutsche Fahne – mit Goldmedaille um den Hals. „Für mich war das tatsächlich ein Ritterschlag“, sagt er. Die Ernennung war für ihn „eigentlich eine Ehrung für meine ganze Karriere“ gewesen. Besonders wertvoll sei dabei nicht nur die Symbolik des Augenblicks, sondern auch die Form der Entscheidung: „Das Besondere daran ist, dass die Mannschaft entschieden hat, wer die Fahne trägt.“ Genau darin liegt für ihn die Tiefe dieser Auszeichnung. „Olympiasieger gibt es in Deutschland relativ viele, aber die Zahl der Fahnenträger ist noch begrenzter.“ Als er ins Stadion lief, war ihm sehr bewusst gewesen, wofür er in diesem Moment steht: „für eine ganze Nation“, „für die Werte einer Nation“ und für das, was man mit dem eigenen Land verbindet.

Diese Erfahrung übersetzt Rauhe heute in seine Rolle als Olympiabotschafter für Berlin. Der Moment ist vergangen, die Verantwortung aber geblieben. „Mein Opa hat immer gesagt: Aus Erfolg wächst Verantwortung.“ Genau das versucht er weiterzutragen. Für ihn ist die Bewerbung Berlins um Olympische und Paralympische Spiele deshalb kein symbolisches Sportprojekt, sondern ein Hebel, um sehr konkrete Defizite anzugehen. Wer mit Vereinen, Verbänden und Ehrenamtlichen spricht, erkennt schnell, wo es brennt. „Die Probleme sind immer die gleichen“, sagt Rauhe. Es fehlt an Infrastruktur, an Verlässlichkeit, an Sichtbarkeit des Sports im Alltag. Vor allem aber geht etwas verloren, das früher selbstverständlicher gewesen war: der Leistungsgedanke, das Verantwortungsgefühl füreinander und der soziale Zusammenhalt, der gerade im Vereinsleben ganz praktisch gelernt wird.

v.l. Ronald Rauhe und Gerhard Wilhelm in der Spielbank Berlin am Potsdamer Platz, geprägt vom 14 Meter langen und 1,2 Tonnen schweren Kristalllüster, der seit der Kernsanierung 2023 das architektonische Markenzeichen des Hauses bildet | BERLINboxx
v.l. Ronald Rauhe und Gerhard Wilhelm in der Spielbank Berlin am Potsdamer Platz, geprägt vom 14 Meter langen und 1,2 Tonnen schweren Kristalllüster, der seit der Kernsanierung 2023 das architektonische Markenzeichen des Hauses bildet | Evgenia Grabovska BERLINboxx

Olympia als gesellschaftlicher Kitt

Rauhe argumentiert dabei nicht nostalgisch, sondern mit bemerkenswerter Präzision. Sport ist kein Allheilmittel, kann aber „ganz viel leisten und ganz viel erklären und vermitteln“. Genau deshalb ist Olympia für Berlin so relevant. Denn die Chancen liegen nicht nur im sportlichen Bereich. „Wir wollen wieder Gemeinsamkeit schaffen“, sagt er, „ein Wir-Gefühl, das immer mehr verloren geht.“ Gerade ein olympisches Ereignis im eigenen Land kann Stolz, Identifikation und Verbindung stiften. Anders als bei einer Fußball-WM, bei der sich immer nur zwei Nationen an einem Ort begegnen, entsteht bei Olympischen Spielen eine andere Dimension: „Du hast die ganze Welt in einer Stadt.“

Für Gerhard Wilhelm liegt genau darin einer der entscheidenden Punkte. Die Spielbank Berlin, die sich seit langem in der Sportförderung engagiert, versteht ihre Rolle bewusst als Teil eines größeren städtischen Zusammenhangs. Olympia kann für Berlin ein kraftvoller Impuls sein – gesellschaftlich, infrastrukturell und auch für das Bild der Stadt nach außen. Gerade in einer Zeit, in der vielerorts ein negativer Grundton spürbar ist, kann eine Bewerbung eine andere Bewegung auslösen: mehr Aufbruch, mehr Sichtbarkeit, mehr Zuversicht. “Berlin ist längst ein touristisch attraktiver und international wahrgenommener Ort. Olympische und Paralympische Spiele können diese Strahlkraft auf besondere Weise bündeln und zugleich Spuren hinterlassen, die über das Ereignis hinausreichen,” sagt Wilhelm.

Gerhard Wilhelm, Sprecher der Geschäftsführung der Spielbank Berlin, Olympiasieger Ronald „Ronny“ Rauhe, Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner und ISTAF-Meetingdirektor Martin Seeber beim ISTAF Indoor 2026 in der ausverkauften Uber Arena | Dirk Lässig
Gerhard Wilhelm, Sprecher der Geschäftsführung der Spielbank Berlin, Olympiasieger Ronald „Ronny“ Rauhe, Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner und ISTAF-Meetingdirektor Martin Seeber beim ISTAF Indoor 2026 in der ausverkauften Uber Arena | Dirk Lässig

Die eigentliche Zielgruppe: die Stadt von morgen

Dass die Umfrage des DOSB gerade bei jüngeren Altersgruppen hohe Zustimmungswerte zeigt, passt zu einer Beobachtung, die beide Gesprächspartner teilen. Es geht nicht nur um ein Ereignis für den Spitzensport, sondern um die Frage, wie eine Stadt ihr Zukunftsbild entwickelt. Rauhe spricht immer wieder von Schule, Vereinen und Nachwuchs. Wenn Olympia in Berlin eine Wirkung entfalten solle, dann müsse sich diese Wirkung genau dort zeigen, “wo Bewegung, Leistung und Gemeinschaft im Alltag beginnen”. Er nennt die dritte oder vierte Sportstunde in der Schule, bessere Trainingsbedingungen, mehr Hallenflächen, eine stärkere Förderung des Ehrenamts und eine sichtbare Aufwertung des Breitensports. „Am Ende wächst die Spitze nur aus der Breite“, sagt er. Wer Talente wolle, müsse unten anfangen.

Kritik ernst nehmen – Wirkung erklären

Gerade an diesem Punkt wird seine Argumentation besonders konkret. Kritik an einer Bewerbung blendet Rauhe nicht aus. Im Gegenteil: Gerade diese Bereitschaft, Einwände ernst zu nehmen, verleiht seinen Argumenten Glaubwürdigkeit. „Man muss hinhören“, sagt er. Es sei der falsche Weg, Kritik einfach wegzuschieben. Wer jedoch erklärt, wie Investitionen, Förderströme und langfristige Effekte zusammenhängen, erlebt oft einen Perspektivwechsel. „Viele Leute haben dann einen Aha-Effekt.“ Denn zahlreiche Projekte, die Berlin ohnehin angehen müssen, entstehen nicht erst durch Olympia. Sie sind längst bekannt, teilweise geplant, häufig aber nicht finanziert oder nicht priorisiert. Eine Olympiabewerbung kann hier als „Katalysator“ wirken, als „Beschleuniger“. Rauhe formuliert das unmissverständlich: „Es geht nicht um ein Vier-Wochen-Event aus Olympischen und Paralympischen Spielen.“ Wenn man ein solches Großereignis konsequent zu Ende denkt, dann beginnt es „mindestens zehn Jahre vorher und auch zehn Jahre nach“.

Kampagnenmotiv der Stadt Berlin zur Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele | Berlin Partner
Kampagnenmotiv der Stadt Berlin zur Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele | Berlin Partner

Was Wirtschaft vom Sport lernen kann

Damit berührt das Gespräch auch eine Frage, die für die Spielbank Berlin und den Olympiasieger naheliegt: Was verbindet Leistungssport und Wirtschaft? Für Rauhe lautet die Antwort: “mehr, als viele vermuten”. Leistung, Leadership, Verantwortung, Selbstreflexion, Teamfähigkeit – all das sind keine theoretischen Managementbegriffe, sondern tägliche Realität im Spitzensport. „Wie macht man ein Boot schneller?“, fragt er. Die Antwort führt fast automatisch zu den klassischen Fragen guter Führung: Wer übernimmt Verantwortung? Wie funktioniert ein Team? Wie ehrlich geht man mit sich selbst und anderen um? „Wenn ich keine Selbstreflexion habe und keinen Willen, jeden Tag ein Stück besser zu werden, dann werde ich mich nicht entwickeln.“ Diese Prinzipien vermittelt Ronald Rauhe heute auch als Speaker in Unternehmen, wo er Führungskräfte und Teams für Leistungs- und Verantwortungskultur sensibilisiert. Gerade darin sieht er eine natürliche Verbindung zwischen unternehmerischem Denken und sportlicher Leistungskultur.

Wilhelm setzt an dieser Stelle einen anderen, aber gut passenden Akzent. Für ihn ist Sport in Berlin weit mehr als Freizeit oder Eventkulisse. Er ist sozialer Raum, Vorbildsystem und Identifikationsfläche zugleich. Dass die Spielbank Berlin diesen Bereich seit Jahren unterstützt, versteht Wilhelm nicht als Randthema, sondern als Ausdruck gelebter Stadtverantwortung. Wenn Olympia dazu beitrage, „Lösungen anzustoßen, wo alle etwas davon haben“, dann wäre dies weit mehr als ein Prestigeprojekt. Dann würde aus einer Bewerbung ein langfristiger Gewinn für Berlin.

Warum Berlin die Bühne hat

Auch bei der Frage, warum gerade Berlin gute Voraussetzungen mitbringt, argumentiert Rauhe nicht abstrakt, sondern aus Erfahrung. Seine Spiele in Sydney, Athen, Peking, Tokio und anderen Gastgeberstädten haben ihm gezeigt, wie sehr die Stadt selbst über den Charakter Olympischer Spiele mitentscheidet. Die stärksten Spiele sind immer die gewesen, „wo du gemerkt hast: Die Stadt lebt für diese Spiele.“ Genau darin sieht er Berlins Stärke. Nicht nur wegen bestehender Sportstätten und kurzer Wege, sondern wegen eines urbanen Gefühls, das zu Olympischen Spielen passe: Offenheit, Vielfalt, Kiezkultur, internationale Atmosphäre. Die Nähe zwischen Athleten und Stadtgesellschaft, das Miteinander von Kultur und Sport, die Energie der Kieze – all das kann hier besonders intensiv zusammenkommen.

Entscheidend ist, was bleibt

Am Ende messen beide den Erfolg einer Olympiabewerbung nicht an Eröffnungsfeiern und Medaillenbilanzen, sondern an sehr konkreten Folgen. Rauhe nennt bessere Infrastruktur für Vereine und Breitensport, mehr Verbindung zwischen Schule und Sport und ein neues Wir-Gefühl in der Stadt. Wilhelm spricht von positiver Signalwirkung, nachhaltigen Lösungen und einer Dynamik, die weit über den Moment hinausweist. Vielleicht ist genau das der eigentliche Kern der Berliner Debatte: Nicht, ob die Stadt für wenige Wochen ins internationale Rampenlicht treten kann, sondern ob sie die Kraft hat, aus einer Bewerbung langfristig etwas Eigenes zu machen. Die aktuelle Umfrage legt nahe, dass dafür in der Stadtgesellschaft mehr Offenheit vorhanden ist, als oft angenommen wird. Rauhe und Wilhelm liefern die inhaltlichen Argumente dazu gleich mit. (eg)