GASAG Kunstpreis 2026: Gewinnerin Jeewi Lee stellt in Berlinischer Galerie aus
Die Berlinische Galerie präsentiert im Rahmen des GASAG Kunstpreises 2026 die erste institutionelle Einzelausstellung von Jeewi Lee in Berlin. In ihren Bildserien, Skulpturen, ortsspezifischen Installationen und Interventionen verwendet die Künstlerin einfache, scheinbar wertlose Materialien, in die sich Spuren von Zeit und Vergänglichkeit als Erinnerung eingeschrieben haben. Diese Spuren bilden den Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Forschung, die wissenschaftliche Materialuntersuchungen mit Aspekten taoistischer Philosophie und individueller Mythologie zu poetischen, meditativen Bildwelten verbindet.
Unter dem Titel „Residual Memories“ widmet sich die Preisträgerin Sand als einem Material, das alltäglich erscheint und zugleich von globaler Tragweite ist. Sand besteht aus Mineralien, Gestein, organischen Resten und zunehmend auch aus Mikroplastik. Er steckt in Beton, Glas, Mikrochips und Wasserfiltern und ist Grundlage unserer gebauten Gegenwart, wird jedoch weltweit in einem Ausmaß verbraucht, das ihn zu einer zunehmend knappen Ressource macht.
Field of Fragments
Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Gemäldeserie „Field of Fragments“, die Lee seit 2022 fortlaufend erweitert. Für diese Arbeiten verwendet sie Sand aus Küstenregionen, in denen sie sich über längere Zeit aufgehalten hat. Auf den ersten Blick erinnert die Serie an die amerikanische Hard-Edge und Colour-Field-Malerei der 1960erJahre: klare Felder, reduzierte Kompositionen und eine Konzentration auf Farbe und Fläche. Anders als in der klassischen Farbfeldmalerei ergibt sich der Farbton der einzelnen Werke jedoch ausschließlich aus der natürlichen Färbung des verwendeten Sandes, dessen jeweilige Herkunft im Titel angegeben ist.
Die Bilder tragen damit konkrete Orte, persönliche Erfahrungen der Künstlerin und geologische Prozesse in sich. Sand erscheint hier nicht als neutrales Bildmittel, sondern als Sediment einer Landschaft und als Träger von Zeit, Erinnerung und Raum.
Sandkörner und Suseok
Seit 2024 entstehen in Zusammenarbeit mit dem Geometrieforscher Phillip C. Reiner skulpturale Arbeiten. Hierfür werden einzelne Sandkörner mittels Nano-Computertomografie gescannt. Die entstandenen Aufnahmen werden anschließend in einem komplexen Prozess digital bearbeitet und mithilfe spezialisierter Druckverfahren bis auf das 3.000-Fache vergrößert künstlerisch übersetzt. Die Vergrößerungen zeigen kleinste Details der einzelnen Sandkörner und machen sichtbar, was dem bloßen Auge verborgen bleibt. Anhand der so geschaffenen Skulpturen werden Strukturen und Formen der einzelnen Körner räumlich erfahrbar. Zugleich wecken sie Assoziationen an reale Steine oder Felsen und an koreanische Suseoks – wie Miniaturgebirge geformte Steine, die in traditionellen koreanischen Gärten zu finden sind.
Weitere, ebenfalls mit Phillip C. Reiner entwickelte Arbeiten nutzen die bei den Scanverfahren entstandenen Querschnitte als Ausgangspunkt, um die Dichte und Zusammensetzung der Sandkörner als charakteristische, ortsspezifische Merkmale sichtbar werden zu lassen. Damit erweitert Jeewi Lee die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Material von der Oberfläche auf das Innere des Sandkorns.
Eine Gartenlandschaft in der Halle
In der Eingangshalle der Berlinischen Galerie komponiert Lee die einzelnen Werkgruppen zu einer immersiven Gesamtinstallation. Gemälde, Videos, Skulpturen und Sandflächen, verbunden mit Klang und Licht, fügen sich zu einer zugleich dystopisch und kontemplativ wirkenden Landschaft. Aus der nur scheinbar zufälligen Anordnung der Sandfelder am Boden und der vergrößerten Sandkörner entsteht eine szenografische Ordnung, die an den Aufbau asiatischer Gärten erinnert und die Besucher*innen zu Teilen einer Choreografie werden lässt.
Das Lichtkonzept wurde gemeinsam mit Thorsten Kosellek erarbeitet. Die 60-minütige Soundinstallation stammt vom Komponisten und Klangkünstler Jared Meier-Klodt. Ausgangspunkt der Komposition sind Tonaufnahmen von Sand, die in alltäglichen, natürlichen und industriellen Kontexten entstanden sind. Meier-Klodt zerlegt diese Aufnahmen in Klangpartikel im Millisekundenbereich – sogenannte Körner – und fügt sie zu neuen, vielschichtigen Klangtexturen. Die Ausstellung findet im Rahmen der Berlin Art Week 2026 statt. (red)