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FIA-Geschäftsführer Dr. Nabeel Farhan: Wie internationale Ärzte die Landversorgung in Deutschland retten
Dr. Nabeel Farhan, Geschäftsführer der Freiburg International Academy (FIA) | FIA

FIA-Geschäftsführer Dr. Nabeel Farhan: Wie internationale Ärzte die Landversorgung in Deutschland retten

14. April 2026

Wer schon mal versucht hat, in einer Kleinstadt mit 3.000 Einwohnern kurzfristig einen Hausarzttermin zu bekommen, weiß, wovon die Rede ist. Manchmal wartet man vier Wochen, manchmal noch länger. Die Praxis ist besetzt, die Vertretung auch, und der nächste Arzt, der noch neue Patienten annimmt, sitzt 35 Kilometer weiter. Für einen 70-jährigen Rentner ohne Auto ist das keine Kleinigkeit, das ist eine echte Versorgungsbarriere. Und das ist kein Einzelfall, sondern eine strukturelle Realität, die sich durch ganz Deutschland zieht. Besonders betroffen sind Regionen abseits der großen Zentren, wo die nächste Facharztpraxis mitunter 40 Kilometer entfernt liegt und ältere Patientinnen und Patienten schlicht keine Möglichkeit haben, diese Strecke ohne fremde Hilfe zurückzulegen. Für viele Menschen ist das keine abstrakte Statistik, sondern gelebter Alltag. Man könnte meinen, das sei ein Problem, das sich von selbst löst, wenn man nur lange genug wartet. Aber das Gegenteil ist der Fall. Dr. Nabeel Farhan, Geschäftsführer der Freiburg International Academy (FIA), beschäftigt sich seit Jahren mit dieser Frage und er ist überzeugt: Ein wesentlicher Teil der Lösung kommt nicht aus Deutschland selbst, sondern aus dem Ausland.

Eine Lücke, die der Nachwuchs allein nicht schließt

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung fehlen in ländlichen und strukturschwachen Regionen Tausende Hausärzte. Nicht in zehn Jahren. Jetzt. Viele der heute noch praktizierenden Ärzte auf dem Land sind über 60 Jahre alt, manche schon jenseits der 65, und arbeiten schlicht weiter, weil niemand ihre Praxis übernimmt. Wenn sie aufhören, hinterlassen sie eine Lücke, die durch den heimischen Nachwuchs allein nicht zu schließen ist. Junge Medizinerinnen und Mediziner zieht es in die Städte, bessere Infrastruktur, kürzere Wege, mehr Karrieremöglichkeiten, Facharztweiterbildung in attraktiven Kliniken. Das ist verständlich und menschlich nachvollziehbar, aber für viele ländliche Kommunen existenziell bedrohlich. Hinzu kommt, dass die Zahl der Medizinstudienplätze in Deutschland seit Jahren hinter dem tatsächlichen Bedarf zurückbleibt. Selbst wenn morgen deutlich mehr junge Menschen Medizin studieren würden, dauert es noch einmal acht bis zehn Jahre, bis sie als vollwertige Hausärztinnen und Hausärzte in der Versorgung ankommen. Das Problem ist also nicht nur ein Problem von heute. Es ist ein Problem, das ohne strukturelle Weichenstellungen in den nächsten Jahren noch deutlich größer werden wird. Wer das als Panikmache abtut, sollte sich mal die Demografiekurven der Landarztschaft genauer ansehen.

Motivation statt Notlösung: Was internationale Ärzte mitbringen

Genau hier setzt die FIA an. Die Akademie qualifiziert internationale Ärztinnen und Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und Pflegefachkräfte für den deutschen Arbeitsmarkt, von der Fachsprachprüfung bis zur Vorbereitung auf die Kenntnisprüfung, mit Standorten in neun deutschen Städten und einem ausgefeilten didaktischen Konzept, das auf die besonderen Herausforderungen internationaler Fachkräfte zugeschnitten ist. Dr. Farhan bringt es auf den Punkt: Internationale Ärzte, die bereit sind, auf dem Land zu praktizieren, sind keine Notlösung. Sie sind oft hoch motiviert, exzellent ausgebildet und bereit, sich dort niederzulassen, wo tatsächlich Bedarf besteht. Das klingt vielleicht nach einer Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht. Wer den aufwendigen Weg der deutschen Approbation auf sich nimmt, Sprachkurse, Prüfungen, Behördengänge, Wartezeiten, der tut das mit einer Überzeugung, die man bei jemandem, der einfach den nächstbesten Job annimmt, nicht unbedingt findet. Das ist kein bequemer Weg. Sprachbarrieren, fremde Verwaltungsstrukturen, ein komplett neues soziales Umfeld, all das muss bewältigt werden, oft ohne familiäres Netz, ohne alte Freunde, ohne die vertraute Infrastruktur des Herkunftslandes. Wer das trotzdem geht, bringt eine Resilienz und Entschlossenheit mit, die im Praxisalltag einen echten Unterschied macht. Dazu kommt etwas, das Dr. Farhan immer wieder betont: Viele internationale Ärztinnen und Ärzte kommen aus Ländern, in denen medizinische Grundversorgung unter weitaus schwierigeren Bedingungen geleistet wird als hierzulande, mit weniger Equipment, weniger Personal, weniger Zeit pro Patient. Diese Erfahrung formt eine pragmatische, lösungsorientierte Haltung, die gerade in unterversorgten Regionen Gold wert ist.

Das FIA Stipendium: Mehr als finanzielle Unterstützung

Damit dieser Weg für möglichst viele internationale Fachkräfte realisierbar wird, hat die FIA das sogenannte FIA Stipendium ins Leben gerufen. Es richtet sich an internationale Gesundheitsfachkräfte, die den Qualifizierungsprozess finanziell nicht allein stemmen können, und das sind nicht wenige. Denn der Weg zur deutschen Approbation ist lang und kostspielig: Sprachkurse auf mehreren Niveaustufen, Fachsprachprüfungen, Kenntnisprüfungen, Gebühren für Behörden und Anerkennungsstellen, mitunter auch Kosten für Nachqualifizierungen oder Anpassungslehrgänge. Wer das aus eigener Tasche bezahlen muss, während er gleichzeitig Miete zahlt und vielleicht noch eine Familie ernährt, stößt schnell an Grenzen. Das Stipendium federt genau diese Hürde ab. Es gibt Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit, sich voll auf die Qualifizierung zu konzentrieren, anstatt parallel noch mehrere Nebenjobs zu jonglieren und dabei zwangsläufig schlechtere Prüfungsergebnisse zu riskieren. Für Dr. Farhan ist das nicht bloß soziale Förderung. Es ist, wie er es formuliert, eine Investition in die Gesundheitsversorgung von morgen. Wer heute einem internationalen Arzt dabei hilft, die Approbation zu erlangen, sichert morgen die Versorgung einer ganzen Gemeinde. Das ist keine Philanthropie, das ist vorausschauende Gesundheitspolitik. Und es ist ein Modell, das zeigt, wie privates Engagement und gesellschaftlicher Nutzen Hand in Hand gehen können, ohne dass der Staat jeden Schritt vorgeben muss.

Wenn die Gemeinde den Arzt beim Namen kennt

Wie das in der Praxis aussehen kann, lässt sich exemplarisch so vorstellen: Ein Allgemeinmediziner aus dem Ausland, der über die FIA seinen Weg durch das deutsche Anerkennungsverfahren gefunden hat, übernimmt die Praxis eines in Rente gehenden Kollegen in einer kleinen Gemeinde in Baden-Württemberg. Er kennt nach wenigen Monaten seine Patientinnen und Patienten beim Namen, weiß, wer Angst vor Spritzen hat und wer morgens um acht schon mit dem Fahrrad vorbeifährt. Er wird Teil der Gemeinde, nicht nur ihr Arzt. Die Leute grüßen ihn auf dem Markt, fragen nach seiner Familie, laden ihn zum Dorffest ein. Das klingt nach einer Idylle, aber es ist eigentlich nur das, was gute Hausarztmedizin ausmacht: Vertrauen, Kontinuität, Verlässlichkeit. Dass solche Szenarien keine bloße Wunschvorstellung sind, zeigen Rückmeldungen aus Kommunen, die bereits aktiv auf internationale Ärzte zugegangen sind und ihnen beim Ankommen geholfen haben. Bürgermeister kleiner Gemeinden berichten immer häufiger davon, dass internationale Ärzte eine besondere Bereitschaft mitbringen, sich zu integrieren und zu engagieren, weit über das hinaus, was ein Arbeitsvertrag verlangt. Sie kommen nicht mit dem Hintergedanken, nach zwei Jahren weiterzuziehen. Sie bauen sich etwas auf, ein Leben, eine Praxis, eine Zukunft. Das schafft Bindung. Und genau diese Bindung ist es, die ländliche Regionen so dringend brauchen. Denn Bindung bedeutet Verlässlichkeit, und Verlässlichkeit ist in der medizinischen Grundversorgung das Wichtigste überhaupt. Patientinnen und Patienten wollen nicht jedes Jahr einen neuen Arzt einweihen müssen. Sie wollen jemanden, der ihre Geschichte kennt, ihre Vorerkrankungen, ihre Medikamente, ihre Familie. Das ist Hausarztmedizin in ihrem Kern, und internationale Ärzte mit echtem Niederlassungswillen liefern genau das.

Netzwerk als Rückhalt: Die Rolle des Freiburger Bundes

Doch so wichtig die fachliche Qualifizierung ist, sie allein reicht nicht. Wer aus dem Ausland kommt und in einer neuen, oft ländlichen Umgebung Fuß fassen soll, braucht mehr als einen Arbeitsvertrag und bestandene Prüfungen. Er braucht Anschluss, Austausch, Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und wissen, wie sich das anfühlt, wenn man zum ersten Mal allein durch das deutsche Behördensystem navigiert. Genau das leistet der Freiburger Bund, ein Netzwerk internationaler Gesundheitsfachkräfte in Deutschland, das sich als Gemeinschaft und Informationsplattform gleichermaßen versteht. Der Freiburger Bund richtet sich an internationale Ärztinnen und Ärzte, Zahnärzte und Apotheker und bietet ihnen einen Raum, in dem sie sich austauschen, gegenseitig unterstützen und voneinander lernen können. Das klingt nach einem weichen Faktor, ist aber in der Praxis oft entscheidend dafür, ob jemand bleibt oder nach kurzer Zeit wieder geht. Integration scheitert selten an fachlicher Kompetenz. Sie scheitert an Einsamkeit, an bürokratischer Überforderung, an dem Gefühl, allein durch einen undurchsichtigen Dschungel zu navigieren, ohne Karte und ohne Kompass. Wer in diesem Moment auf ein funktionierendes Netzwerk zurückgreifen kann, auf Menschen, die denselben Weg bereits gegangen sind und konkrete Tipps geben können, der findet schneller seinen Platz. Für die Integration auf dem Land ist das kein unwichtiger Randaspekt, sondern häufig der entscheidende Unterschied zwischen Bleiben und Gehen.

Bürokratie als größtes Hindernis

So viel Positives es zu berichten gibt, es wäre unehrlich, die strukturellen Probleme zu verschweigen, die nach wie vor bestehen. Dr. Farhan macht keinen Hehl daraus, dass das deutsche Anerkennungssystem für internationale Ärzte noch immer zu langsam, zu uneinheitlich und zu wenig transparent ist. Je nach Bundesland dauert das Approbationsverfahren unterschiedlich lang, mal ein Jahr, mal zwei, mal länger. Die Anforderungen variieren, die Kommunikation zwischen Behörden und Antragstellern lässt häufig zu wünschen übrig, und wer Pech hat, verliert wertvolle Zeit durch fehlende oder missverständliche Informationen. Das hat Konsequenzen. Qualifizierte Ärztinnen und Ärzte, die eigentlich bereit wären, in Deutschland zu arbeiten und auf dem Land eine Praxis zu übernehmen, entscheiden sich während dieser langen Wartephase für andere Länder, die schneller und unbürokratischer vorgehen. Kanada, die Niederlande oder die skandinavischen Länder zeigen seit Jahren, wie ein strukturiertes und effizientes Willkommenssystem für internationale Mediziner aussehen kann. Deutschland dagegen kämpft noch immer mit sich selbst, wenn es darum geht, ausländische Abschlüsse zügig und fair zu bewerten. Stipendien und Qualifizierungsprogramme wie die der FIA können vieles abfedern, aber sie können kein dysfunktionales Behördensystem ersetzen. Was gebraucht wird, sind schnellere Anerkennungsverfahren, klarere Zuständigkeiten, bessere Beratung für Kommunen, die internationale Ärzte gewinnen wollen, und ein politisches Signal, dass Deutschland diese Fachkräfte wirklich will und nicht nur toleriert. Das ist kein Wunschdenken, das sind Grundvoraussetzungen.

Ein Puzzle, das aufgeht, wenn alle mitspielen

Die Lösung für die ärztliche Unterversorgung auf dem Land wird nicht aus einer einzigen Maßnahme bestehen. Das wäre zu einfach und wäre der Komplexität des Problems nicht gerecht. Aber wenn man die verschiedenen Puzzleteile konsequent zusammensetzt, gezielte Stipendien wie das der FIA, strukturierte Qualifizierungsprogramme an mehreren Standorten, eine kommunale Willkommenskultur, die internationalen Ärzten das Ankommen erleichtert, ein starkes Netzwerk wie den Freiburger Bund, das Gemeinschaft schafft, und eine Politik, die endlich die richtigen bürokratischen Rahmenbedingungen setzt, dann ergibt sich ein Bild, das deutlich hoffnungsvoller ist als die bloßen Statistiken vermuten lassen. Dr. Nabeel Farhan und die FIA haben ihren Teil dieses Puzzles klar vor Augen und setzen ihn Stück für Stück um, mit jedem Stipendiaten, mit jedem bestandenen Examen, mit jeder Praxis, die nicht schließen muss, weil ein engagierter Arzt aus dem Ausland die Nachfolge antritt. Jetzt ist die Frage, ob Kommunen, Landesregierungen und Bundesbehörden mitziehen. Denn die Menschen auf dem Land können nicht noch zehn Jahre warten. (red)