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DIHK-Konferenz: Gebäudesektor sucht den Weg zwischen Klimaneutralität und Wirtschaftlichkeit
Diskutierten auf der DIHK-Konferenz „Aufbruch im Gebäudesektor: Klimaneutral. Wirtschaftlich. Zukunftsfähig.“ über die Zukunft des klimaneutralen Bauens (v.l.): Marie Neumüllers, Vorständin der Urbanizers eG, Prof. Eike Roswag-Klinge, Geschäftsführer von ZRS Architekten und Professor an der TU Berlin, Dr. Barbara Krämer-Zain, Referatsleiterin für Bauforschung und Innovation im Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB), Dr. Laura Sasse, Mitglied des Vorstands der Dr. Sasse Group, sowie Wulf von Borzyskowski, Geschäftsführer Deutschland von ALL3 | BERLINboxx

DIHK-Konferenz: Gebäudesektor sucht den Weg zwischen Klimaneutralität und Wirtschaftlichkeit

29. Mai 2026

Politik, Wirtschaft und Immobilienbranche diskutieren über Wärmewende, Baukosten und Innovationen

Wie kann der Gebäudesektor klimaneutral werden, ohne Bauen und Wohnen unbezahlbar zu machen? Diese Frage stand im Mittelpunkt der DIHK-Konferenz „Aufbruch im Gebäudesektor: Klimaneutral. Wirtschaftlich. Zukunftsfähig.“ im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin. Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Immobilienbranche diskutierten über die Herausforderungen von Wärmewende, energetischer Sanierung, Neubau und Finanzierung. Der Tenor der Veranstaltung war eindeutig: Die Transformation des Gebäudesektors kann nur gelingen, wenn Klimaschutz, Wirtschaftlichkeit und Planungssicherheit stärker zusammen gedacht werden.

Bundesregierung setzt auf Technologieoffenheit und Investitionssicherheit

In seiner politischen Keynote warb Sören Bartol, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB), für einen pragmatischen Kurs bei der Transformation des Gebäudesektors. Die Bundesregierung halte an den Klimazielen fest, wolle zugleich aber die Akzeptanz für die notwendigen Maßnahmen stärken.

Besondere Bedeutung misst die Bundesregierung dem neuen Gebäudemodernisierungsgesetz bei. Dieses soll die europäischen Vorgaben zur Gebäudeeffizienz umsetzen und gleichzeitig mehr Technologieoffenheit ermöglichen. „Der Umstieg vor allen Dingen auf die Wärmepumpe, aber auch auf die Fernwärme wird nicht aufzuhalten sein, weil es eine funktionierende, seriöse Technologie ist“, sagte Bartol. Gleichzeitig müsse die Transformation sozialverträglich gestaltet werden und Eigentümern ausreichend Wahlfreiheit bei Investitionsentscheidungen lassen.

Der Staatssekretär betonte zudem, dass Investitionen in klimafreundliche Gebäude langfristig Planungssicherheit benötigen. Förderprogramme für effiziente Gebäude und Wärmenetze sollen deshalb auch künftig eine zentrale Rolle spielen. Ziel sei es, die Klimaziele einzuhalten, ohne die wirtschaftliche Tragfähigkeit aus dem Blick zu verlieren.

Sören Bartol, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB), warb für einen pragmatischen und technologieoffenen Kurs bei der Transformation des Gebäudesektors | BERLINboxx
Sören Bartol, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB), warb für einen pragmatischen und technologieoffenen Kurs bei der Transformation des Gebäudesektors | BERLINboxx

Baukosten werden zur Schlüsselfrage

Neben der Wärmewende rückte die Frage nach den Baukosten in den Mittelpunkt der Veranstaltung. Die Zahl der fertiggestellten Wohnungen liegt weiterhin deutlich unter dem tatsächlichen Bedarf, während steigende Anforderungen, hohe Finanzierungskosten und langwierige Genehmigungsverfahren die Branche belasten.

Deutlich wurde Bartol beim Thema Baukosten: „So wie bisher kann es nicht weitergehen. Wir müssen die Baukosten konsequent senken.“ Förderprogramme allein könnten die strukturellen Kostentreiber im Wohnungsbau nicht dauerhaft kompensieren. Deshalb setzt die Bundesregierung auf schnellere Verfahren, Digitalisierung, serielles Bauen und eine Überprüfung bestehender Standards.

Mit dem sogenannten Bauturbo und weiteren geplanten Änderungen im Baugesetzbuch sollen Genehmigungs- und Planungsverfahren beschleunigt werden. Die Politik verbindet damit die Hoffnung, Investitionen wieder attraktiver zu machen und den Wohnungsbau spürbar anzukurbeln.

High-Tech oder Low-Tech? Die Zukunft des Bauens wird neu verhandelt

Besonders lebhaft verlief die Diskussion im Panel „Klimaneutrales Bauen von morgen – Innovation oder Rückbesinnung?“. Hier trafen unterschiedliche Perspektiven aus Technologie, Gebäudebetrieb, Forschung und Politik aufeinander.

Wulf von Borzyskowski, Geschäftsführer Deutschland von ALL3 Construction Germany, plädierte für einen stärkeren Einsatz von Künstlicher Intelligenz, Robotik und automatisierten Planungsprozessen. Aus seiner Sicht wird die Branche den Fachkräftemangel der kommenden Jahre nur durch eine deutliche Steigerung der Produktivität bewältigen können.

„Wir müssen die Technologien viel effizienter nutzen, um endlich produktiver und dadurch auch günstiger zu bauen“, sagte von Borzyskowski. Der Einsatz von KI und Robotik dürfe dabei nicht Selbstzweck sein, sondern müsse sich am konkreten Nutzen eines Gebäudes orientieren.

ALL3 Construction Germany verfolgt einen vollständig digitalisierten Ansatz – von der Planung über die Produktion bis hin zur Baustelle. Mithilfe KI-gestützter Prozesse könnten Planungszeiten erheblich verkürzt und Bauabläufe effizienter organisiert werden. Von Borzyskowski berichtete, dass bestimmte Planungsschritte heute bereits innerhalb eines Tages automatisiert erstellt werden könnten. Gleichzeitig warnte er vor ideologischen Debatten über Technologie: „Es kommt immer darauf an, welchen Nutzen das Gebäude wirklich haben muss.“ Low-Tech könne ebenso sinnvoll sein wie High-Tech – entscheidend sei die jeweilige Anwendung.

Wulf von Borzyskowski, ALL3 Construction Germany, plädierte auf der DIHK-Konferenz für den stärkeren Einsatz von KI, Robotik und automatisierten Prozessen im Bauwesen | BERLINboxx
Wulf von Borzyskowski, ALL3 Construction Germany, plädierte auf der DIHK-Konferenz für den stärkeren Einsatz von KI, Robotik und automatisierten Prozessen im Bauwesen | BERLINboxx

Bestand, Kreislaufwirtschaft und Gebäudebetrieb gewinnen an Bedeutung

Einen anderen Schwerpunkt setzte Prof. Eike Roswag-Klinge von der TU Berlin. Er warb dafür, den Fokus stärker auf den Gebäudebestand zu richten. Die entscheidenden Hebel für Klimaschutz und Ressourcenschonung lägen nicht allein im Neubau, sondern vor allem in der Sanierung, Umnutzung und Weiterentwicklung bestehender Gebäude. Zudem plädierte er für mehr Offenheit bei Normen und Standards sowie für Reallabore, um innovative Bau- und Sanierungskonzepte schneller erproben zu können.

Dr. Barbara Krämer-Zain, Referatsleiterin für Bauforschung und Innovation im BMWSB, verwies auf die zunehmende Bedeutung von Lebenszyklusbetrachtungen. Künftig werde nicht mehr nur die Energieeffizienz eines Gebäudes im Betrieb bewertet, sondern dessen gesamte Klimabilanz von der Errichtung bis zum Rückbau. Dies eröffne neue Spielräume für innovative Materialien, Kreislaufwirtschaft und technologieoffene Lösungen.

Auch Dr. Laura Sasse, Vorständin der Dr. Sasse Group, machte deutlich, dass Digitalisierung und Nachhaltigkeit im Gebäudebetrieb eng zusammenhängen. Moderne Gebäudetechnik könne erhebliche Einsparpotenziale erschließen. Gleichzeitig warnte sie davor, Gebäude mit immer komplexeren Systemen zu überfrachten. Entscheidend sei nicht die maximale Technisierung, sondern der intelligente und beherrschbare Einsatz von Technologie. In vielen Bestandsobjekten ließen sich bereits durch optimierte Steuerung, bessere Datenauswertung und vorausschauende Wartung erhebliche Energieeinsparungen erzielen.

Im Panel „Klimaneutrales Bauen von morgen – Innovation oder Rückbesinnung?“ diskutierten Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft über Digitalisierung, Gebäudebestand, Kreislaufwirtschaft und neue Technologien im Bauwesen | BERLINboxx
Im Panel „Klimaneutrales Bauen von morgen – Innovation oder Rückbesinnung?“ diskutierten Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft über Digitalisierung, Gebäudebestand, Kreislaufwirtschaft und neue Technologien im Bauwesen | BERLINboxx

Transformation braucht Pragmatismus

Die DIHK-Konferenz machte deutlich, dass die Herausforderungen im Gebäudesektor weit über einzelne Technologien oder gesetzliche Vorgaben hinausgehen. Klimaneutralität, bezahlbares Wohnen, Investitionssicherheit, Fachkräftemangel und Digitalisierung müssen gemeinsam betrachtet werden.

Trotz unterschiedlicher Perspektiven bestand auf dem Podium weitgehend Einigkeit darüber, dass die Transformation des Gebäudesektors weder durch Regulierung allein noch durch technologische Innovation allein gelingen wird. Gefragt sind pragmatische Lösungen, die ökologische Ziele mit wirtschaftlicher Machbarkeit verbinden.

Die zentrale Botschaft des Tages lautete daher: Der Weg zu einem klimaneutralen Gebäudebestand führt nicht über ideologische Grabenkämpfe, sondern über eine intelligente Verbindung von Technologie, Investitionen, Planungssicherheit und unternehmerischer Praxis. (eg)