Der neue Puls der Abstraktion: Franz Stein
Einzelausstellung bei König Galerie Chapel St. Agnes
Franz Stein ist einer jener seltenen Maler, bei denen man schon nach wenigen Minuten merkt: Hier geht es nicht um „Bilder an der Wand“, es geht um Zustände – um Wahrnehmung, Rhythmus, Körpergefühl. Dass Johann König ihn nach dem Debüt im KÖNIG TELEGRAPHENAMT (Sommer 2025) nun erneut nachlegt – diesmal mit „FEELS LIKE SPRING“ ab 20. Februar bis 22. März 2026 in der Chapel von St. Agnes (Alexandrinenstraße) - ist nur konsequent, denn die Ausstellung im vergangenen Jahr war nach kurzer Zeit ausverkauft.
Malerei, die Raum wird
Die Besonderheit von Steins Ansatz liegt in einer spannenden Mischung aus Leichtigkeit und Konstruktionsintelligenz. Seine Gemälde entstehen aus vielen dünnen Schichten Acryl, darüber legt er ein zeichnerisches Geflecht aus Linien, Punkten, Flächen, u. a. mit Ölpastell, Kohle und Spray. Was zunächst wie ein beiläufiges, fast spielerisches Setzen wirkt, kippt beim längeren Sehen in eine Art topografische Tiefenstaffelung: Vordergrund/Mitte/Hintergrund entstehen nicht durch klassische Perspektive, sondern durch Überlagerung, Transparenz und Tempo.
Im Telegraphenamt hatte Stein diese Logik radikal zu Ende gedacht: Mit einem monumentalen, per Tufting gefertigten Teppich (55 m², in Segmenten komponiert), der Malerei vom Vertikalen ins Begehbare übersetzt. Das Entscheidende ist die Verschiebung der Rezeptionshaltung: Man steht nicht mehr vor dem Bild – man befindet sich im Bild.
Lehrer, Linie, Kontext
Biografisch ist Stein klar in einer Gegenwartsmalerei verankert, die sich weder dem reinen Abstraktionsdogma noch dem illustrativen Erzählen verpflichtet. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste München bei Gregor Hildebrandt und war (u. a. als Erasmus-Aufenthalt) an der Akademie der bildenden Künste Wien in der Klasse von Daniel Richter.
Man erkennt diese Pole als Hintergrundrauschen: Hildebrandts Sinn für formale Disziplin und Materialbewusstsein – Richters Mut zur Geste und zum vibrierenden Bildkörper. Stein macht daraus etwas Eigenes. Eine poetische, hochzeitgenössische „abstrakte Szene“, die nicht erzählt, aber dennoch Atmosphäre produziert.
Früher Markterfolg – und warum er plausibel ist
Für einen so jungen Marktauftritt spricht die wichtigste Währung im Primärmarkt: Sell-through. Bei König sind zahlreiche Arbeiten in der Präsentation/Online-Übersicht als „Sold“ geführt, und auf Plattformen wie Artsy werden Arbeiten aus dem Umfeld der König-Präsentation mit konkreten Preisen gelistet (z.B. 8.000 € für eine Arbeit aus 2025).
Ein wichtiger Exponent – jetzt
Steins Relevanz liegt darin, dass er eine häufig beschworene „Rückkehr der Malerei“ nicht nostalgisch bedient, sondern weiterdreht: Malerei als Interface zwischen Fläche, Körper, Material und Raum. In einer Zeit, in der Bilder meist flach (Screen) und sofortig (Scroll) konsumiert werden, insistieren seine Arbeiten auf etwas Unzeitgemäßem: Verweildauer – und auf die sinnliche Erkenntnis, dass Abstraktion eine andere Art ist, Welt zu organisieren.
Wer im Februar in St. Agnes hineingeht, sollte deshalb nicht nach Motiven suchen, sondern nach Temperatur, Takt, Atem: Stein malt nicht Dinge – er malt Jahreszeiten im Kopf. (fs)