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Buchkritik - Die lange Gegenwart von Sanditz
Frank Schmeichel, Verleger BERLINboxx | © BERLINboxx

Buchkritik - Die lange Gegenwart von Sanditz

17. August 2026

von Frank Schmeichel

Lukas Rietzschels Roman verbindet Familiengeschichte und Zeitgeschichte zu einem außergewöhnlichen Panorama über die DDR, ihre Nachwirkungen und den Krieg in der Ukraine. Ein literarisches Ereignis - und eines der besten Bücher der vergangenen Jahre. Lukas Rietzschels Sanditz führt mitten hinein in die deutsche Geschichte der vergangenen fünfzig Jahre. Er schreibt keine Chronik. Ihn interessiert, was Geschichte in Menschen hinterlässt: Hoffnungen und Scham, Bindungen, Verletzungen und Fluchtbewegungen. Diese Nähe ist die große Stärke des Romans. Sanditz ist formal kühn, psychologisch hellsichtig und in seiner Empathie unsentimental - ein Ausnahmebuch.

Ein Ort als Gedächtnis

Sanditz ist eine fiktive Kleinstadt in der Lausitz, nahe der polnischen Grenze, geprägt von Glasindustrie und Braunkohletagebau. Das alte Dorf der Familie Wenzel musste der Kohle weichen; als Ersatz blieben vier Bungalows an einer Straße, eine Siedlung ohne die versprochenen Einrichtungen und ohne ein wirkliches Zentrum. Diese Bungalows sind eine kleine politische Architektur: Ersatz für eine verlorene Heimat, aber ohne den versprochenen Mittelpunkt. Rietzschel muss für die gebrochenen Zusagen der Politik kein Symbol erfinden; sie stehen längst an dieser Straße.

Im Mittelpunkt stehen drei Generationen der Wenzels: Erika und der Orgelbauer Norbert, ihre Kinder Marion und Dirk, Marions Ehemann Roland Moschnick sowie die Zwillinge Maria und Tom. Um sie herum entfaltet sich ein vielstimmiger Kosmos aus Gemeindemitgliedern, Arbeitskollegen, Nachbarn, Bürgerrechtlern, Außenseitern und Gestrandeten. Keine dieser Figuren muss eine These über Ostdeutschland beweisen. Sie dürfen widersprüchlich sein, unvernünftig, tapfer und schwach - häufig alles zugleich.

Die Handlung bewegt sich zwischen den späten 1970er-Jahren, dem Ende der DDR, der Wende- und Nachwendezeit sowie der Gegenwart von Pandemie und russischem Angriffskrieg. Der Gegenwartstrang steht im Präsens, die Rückblicke im Präteritum; doch entscheidender als diese formale Markierung ist die Art, in der die Zeiten ineinandergeschoben werden. Der Roman legt kein chronologisches Protokoll vor. Er setzt Erinnerungsstücke, Szenen und Perspektiven so gegeneinander, dass ihre Zusammenhänge erst allmählich sichtbar werden. Was in der Gegenwart wie Marotte, Überreaktion oder Scheitern erscheint, bekommt eine Vergangenheit. Dadurch wird es nicht richtig, aber verständlicher.

Gerade dadurch eröffnet Sanditz eine neue Sicht auf die DDR und ihre Nachwirkungen. Die Familie ist im protestantischen Gemeindeleben verwurzelt, jener geschützten Sphäre, in der Kritik und Opposition möglich waren. Norbert bringt verbotene Bücher über die Grenze; Marion und Roland engagieren sich in der Bürgerbewegung und sind an der Besetzung der örtlichen Stasi-Zentrale beteiligt. Den Mut der Bürgerrechtler versieht Rietzschel nicht mit nachträglichem Heldengold. Dieser Mut schützt sie nach 1989 nicht vor sozialem Abstieg, Entwertung und dem Gefühl, in der neuen Ordnung nur noch als Arbeitskraft oder Herkunftsetikett vorzukommen. So entgeht der Roman den vertrauten Schablonen von Täter und Opfer, Gewinner und Verlierer. Die DDR erscheint als Lebenswelt aus Enge und Handlungsspielräumen. Die Befreiung von 1989 bleibt dabei real, ebenso die Erfahrung, dass ihre Versprechen ungleich eingelöst wurden.

Menschen, keine Thesen

Besonders eindrucksvoll ist Maria, die nach Studienjahren in Kassel nach Sanditz zurückkehrt und als Lokaljournalistin arbeitet. Im Westen wird sie auf ihre ostdeutsche Herkunft festgelegt; zeitweise begegnet sie den Klischees mit dem ironischen Rollenspiel einer angeblichen „Mandy aus Dresden“. Doch auch die Rückkehr ist keine harmonische Heimkehr. Maria kennt die Sprache und die Landschaft, ohne sich in ihnen noch fraglos aufgehoben zu fühlen. Ihre berufliche Erfahrung, dass Geschichten aus dem Osten vor allem dann gefragt sind, wenn sie sich auf Rechtspopulismus oder andere erwartbare Reizthemen reduzieren lassen, gehört zu den klügsten medienkritischen Linien des Buches. Rietzschel zeigt ihre Müdigkeit, ihren Ehrgeiz und ihren Wunsch nach einem gewöhnlichen guten Leben. Das macht Maria glaubwürdig.

Ihr Zwillingsbruder Tom ist die riskanteste und vielleicht größte Figur des Romans. Der ehemalige Polizist verweigert sich während der Pandemie den Regeln, verliert den Anschluss an seine Familie und sucht in digitalen Gegenwelten nach Freiheit und Zugehörigkeit. Rietzschel karikiert ihn nicht. Zum heimlichen Helden des Widerstands wird Tom ebenfalls nicht. Man muss ihn nicht mögen. Aber man versteht, warum er nach Bedeutung sucht. Wenn Tom schließlich als Freiwilliger in die Ukraine geht, wirkt das nicht wie ein angeklebter Aktualitätsbezug, sondern wie die tragische Radikalisierung einer lange vorbereiteten Suche: nach Gemeinschaft, Aufgabe und einem Ort, an dem das eigene Leben Gewicht haben könnte.

Die Wirklichkeit des Krieges

Mit Tom gelangt der Roman in den Ukrainekrieg. Dieser Krieg ist hier keine Nachrichtenkulisse, sondern die letzte Station eines Mannes, dessen Freiheitsbegriff in der ostdeutschen und gesamteuropäischen Geschichte geformt, aber auch beschädigt wurde. Rietzschel erklärt diesen Weg, ohne ihn zu entschuldigen. Das ist ein Unterschied, den der Roman seinem Leser zutraut.

Die Kriegsszenen im letzten Teil verändern die Temperatur des Buches. Plötzlich reicht die Sprache der Nachrichten nicht mehr. Karten, Frontverläufe, Waffenlieferungen, Opferzahlen - Rietzschel führt all das auf einen Körper und ein Bewusstsein zurück. Schon der Satz „Die Russen sind durch das Fenster gekommen“ holt den Krieg in ein Zimmer; die Abdrücke auf dem hellen Teppich machen die Besatzung körperlich gegenwärtig. Später kommen das Warten in der Deckung, die Drohnen, die Desorientierung zwischen Angriff und Gegenangriff, Todesangst und Verzweiflung hinzu. Das ist keine Strategie mehr. Es ist Ausgeliefertsein an eine technisch organisierte Vernichtung. Weil die Wahrnehmung dicht bei Tom bleibt, zerbricht die Distanz, aus der das Nachrichtenpublikum auf den Krieg blickt. Krieg ist hier nicht fern. Er zerreißt Körper, Beziehungen und Biografien. Noch bevor eine Meldung den Toten zur Zahl macht, war da ein Mensch.

Darf man das Finale neben Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues stellen? Ja. Der Vergleich betrifft die Wirkung, nicht den Rang. Beide Autoren nehmen dem Krieg das Heroische und führen ihn auf Angst, Zufall, körperliche Verletzbarkeit und den oft winzigen Abstand zwischen Leben und Tod zurück. Remarque erzählt den industrialisierten Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs aus der Perspektive einer verlorenen Generation. Rietzschel zeigt den hochtechnisierten Krieg des 21. Jahrhunderts, in dem Drohnen den Tod aus der Distanz bringen. Wenn im Finale die Rabenmetaphorik und die Bedrohung aus der Luft ineinanderfallen, wird diese moderne Vernichtung mythisch und erschreckend konkret zugleich.

Mit seiner schonungslosen Körperlichkeit erinnert das Finale außerdem an Gert Ledigs Die Stalinorgel. Ledig löst die militärische Ordnung der Front in das chaotische Erleben verletzlicher Körper auf. Sanditz bleibt ein Familienroman. Doch seine Ukraine-Passagen verändern ihn rückwirkend: Die Suche eines Einzelnen nach Freiheit und Bedeutung endet dort, wo der Krieg jeden abstrakten Begriff zerreißt und nur das nackte, bedrohte Leben übriglässt.

Verletzlichkeit ohne Pathos

Nicht weniger fein ist die Geschichte von Roland, Marion und Achim. Roland liebt Achim, heiratet aber Marion und wird zum sozialen Vater ihrer Kinder. Aus dieser Konstellation hätte leicht ein konventionelles Drama aus Verheimlichung, Schuld und Befreiung werden können. Rietzschel widersteht der Versuchung. Keine der drei Figuren lässt sich auf eine moralische Rolle festlegen. Roland ist kein Feigling, Marion nicht bloß die betrogene Ehefrau, Achim kein Erlöser. Marion reicht Roland die eine Hand, Achim die andere: In diesem Bild ist die ganze Beziehung enthalten. Zwischen den dreien bestehen Liebe, Loyalität, Begehren, Angst und Fürsorge gleichzeitig. Darin liegt ihre seltene Wahrhaftigkeit.

Auch Dirk, Marions Bruder, wird mit hoher psychologischer Sensibilität gezeichnet. Der frühere Bausoldat lebt lange in lähmender Abhängigkeit von seiner Mutter Erika und leidet an einer Depression, die seine Umwelt zunächst als Willensschwäche missversteht. Der Roman stellt ihn weder aus noch macht er ihn zum liebenswerten Sonderling. Seine unbeholfenen Versuche, nach Erikas Tod ein eigenes Leben zu beginnen und Nähe zuzulassen, gehören zu den stillsten und bewegendsten Passagen des Buches. Erika wiederum ist keine idealisierte Familienmatriarchin. In ihrem Glauben, ihrer Musik und ihrer praktischen Fürsorge liegt Kraft, aber auch eine Härte gegen sich selbst und andere. Sie hat Krieg, Vertreibung, Systemwechsel und die erneute Verdrängung durch den Tagebau erlebt. Dass Rietzschel ihre Widerstandsfähigkeit ohne Denkmalspathos beschreibt, zeigt beispielhaft die Qualität dieses Romans.

Die Verletzlichkeit dieser Figuren wird niemals melodramatisch oder larmoyant dargestellt. Rietzschel vertraut auf Gesten, Dialoge und genaue Alltagsbeobachtungen. Er lässt einen Satz abbrechen, eine Hand liegen bleiben, einen Blick ausweichen. Das Entscheidende wird selten ausgerufen. Die Zurückhaltung gibt dem Schmerz sein Gewicht. Der Roman erzwingt keine Anteilnahme. Er gewinnt sie durch Genauigkeit.

Seine Sprache ist klar, bildstark und beweglich. Sie kann lakonisch und komisch sein, dann wieder dunkel und beinahe mythisch. Die Raben der Lausitzer Krabat-Überlieferung ziehen sich als Motiv durch das Buch und öffnen unter dem realistischen Gesellschaftspanorama einen zweiten Resonanzraum von Verwandlung, Verführung und Erlösung. Bei aller formalen Kunst verliert Rietzschel seine Menschen nicht aus dem Blick. Die ineinandergeschobenen Handlungsstränge bilden die Struktur des Erinnerns nach. Vergangenheit kehrt nicht geordnet zurück. Sie taucht dort auf, wo die Gegenwart eine alte Wunde berührt.

Ein neuer Buddenbrooks-Roman?

Darf man Sanditz mit Thomas Manns Buddenbrooks vergleichen? Ja, aber nur in einem klar bestimmten Sinn. Rietzschel selbst hat den Bezug benannt: die klassische Buddenbrooks-Annahme, dass sich im Verständnis einer Familie die Gesellschaft im Kleinen erschließt und dass mit ihrer Geschichte zugleich ein Land und seine Zeit erzählt werden können. Genau in diesem gattungsgeschichtlichen Sinn steht Sanditz in der Tradition des großen Familien- und Gesellschaftsromans.

Wie bei Thomas Mann wird die Familie zum Seismografen einer Epoche; private Bindungen, wirtschaftliche Umbrüche und politische Mentalitäten sind nicht voneinander zu trennen. Doch die Unterschiede sind ebenso wichtig. Thomas Mann erzählt den Niedergang einer großbürgerlichen Kaufmannsfamilie über mehrere Generationen mit souveräner ironischer Distanz. Rietzschel arbeitet fragmentarischer, polyphoner und näher an den wechselnden Innenwelten seiner Figuren. Bei ihm geht es weniger um den Verfall eines Hauses als um die Zerstreuung einer Gemeinschaft - und um die Frage, welche Bindungen dennoch halten.

Literarisch ist der Vergleich tragfähig. Er benennt eine Ambition, keine Ähnlichkeit des Tons. Sanditz will wie Buddenbrooks eine Epoche im Intimen sichtbar machen. Rietzschel überträgt diese Ambition auf eine ostdeutsche Arbeiter- und Bürgerrechtsfamilie, auf Pandemieerfahrung und Ukrainekrieg. Das macht seinen Roman eigenständig und gegenwärtig.

Ein Ausnahmeroman

Sanditz erklärt Ostdeutschland nicht von oben herab. Es erzählt Menschen so genau, dass die großen gesellschaftlichen Fragen in ihren Lebensläufen hörbar werden. Aus dieser Genauigkeit wächst ein einfühlsames und reflektiertes Verständnis für die geschilderten Schicksale. Widersprüche bleiben Widersprüche; Urteile werden nicht aufgegeben. Nach der Lektüre besitzt man keine bequeme Formel für die DDR, die Nachwendezeit oder den Krieg. Man sieht jedoch klarer, wie Geschichte in Biografien weiterarbeitet - und wie sehr politische Ordnungen davon abhängen, ob Menschen Zugehörigkeit, Würde und eine Aufgabe finden.

Lukas Rietzschel hat mit Sanditz einen großen deutschen Gegenwartsroman geschrieben. Der Roman besitzt Wärme, ohne sentimental zu werden. Seine psychologische Sensibilität zeigt sich dort, wo Figuren sich selbst und anderen rätselhaft bleiben. Sie bleiben im Gedächtnis, weil ihre Verletzlichkeit niemals vorgeführt wird. Sanditz ist ein Ausnahmeroman - und eines der besten Bücher der vergangenen Jahre.

BUCHANGABEN

Lukas Rietzschel: Sanditz. Roman. dtv, München 2026. 480 Seiten, 26 Euro. ISBN 978-3-423-28516-2. Nominiert für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2026.

Zum Autor: Frank Schmeichel ist Verleger der BERLINboxx. Er studierte Literaturwissenschaft und Philosophie, arbeitete als Journalist und Autor und gilt als einer der Pioniere des Privatradios. Anfang der 1990er-Jahre leitete er die Unternehmenskommunikation der Verlagsgruppe Ullstein Langen Müller. Er ist heute auch Gastgeber des TV-Talk-Formats "Capital Player" beim Hauptstadtsender TVBerlin.