Brancusi in Berlin: Eine prägende Ausstellung der Moderne in der Neuen Nationalgalerie
Mit der Ausstellung „Brancusi“ zeigt die Neue Nationalgalerie vom 20. März bis 9. August 2026 eine der derzeit umfassendsten Präsentationen des Werkes von Constantin Brancusi, dem rumänisch-französischen Bildhauer. Mit mehr als 150 Arbeiten ist es die erste große Werkschau des Künstlers in Deutschland seit über 50 Jahren.
Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Centre Pompidou, das die weltweit bedeutendste Sammlung Brancusis beherbergt und derzeit sanierungsbedingt geschlossen ist. Diese Konstellation ermöglicht eine außergewöhnliche Dichte an zentralen Werken, die sonst nur selten außerhalb von Paris zu sehen sind.
Europäische Zusammenarbeit und institutionelle Vernetzung
Unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dem Präsidenten Rumäniens Nicușor Dan markiert die Werkschau die enge kulturelle Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Frankreich und Rumänien.
Zu den internationalen Leihgebern zählen unter anderem das Museum of Modern Art, die Tate sowie die Staatsgalerie Stuttgart. Ergänzt werden diese durch bedeutende private Sammlungen.
Brancusi und die Entwicklung der modernen Skulptur
Constantin Brancusi, 1876 in den Karpaten geboren, zählt zu den zentralen Figuren der künstlerischen Moderne. Nach seinem Umzug nach Paris im Jahr 1904 entwickelte er eine eigenständige Formensprache, die auf Reduktion, Materialität und Klarheit basiert.
Seine Werke – darunter „Der Kuss“, „Schlummernde Muse“ oder „Vogel im Raum“ – stehen exemplarisch für den Übergang von der figürlichen zur abstrakten Skulptur. Charakteristisch ist die wiederholte Bearbeitung einzelner Motive, etwa in den zahlreichen Variationen der Vogel-Darstellungen.
Brancusi, der 1952 die französische Staatsbürgerschaft annahm, arbeitete häufig direkt im Material und verstand Skulptur als fortlaufenden Prozess der Verdichtung und Vereinfachung.
Ein besonders prägnantes Beispiel für die damalige Radikalität von Brancusis Werk liefert ein Vorfall aus den 1920er-Jahren: Als der Künstler 1926 mehrere Skulpturen – darunter „Vogel im Raum“ – für die Ausstellung Intimate Gallery von Alfred Stieglitz in New York verschiffen ließ, wurden diese vom US-Zoll nicht als Kunstwerke anerkannt. Stattdessen klassifizierten die Behörden die Arbeiten als industrielle Metallobjekte und belegten sie mit entsprechenden Einfuhrzöllen.
Brancusi ging gegen diese Entscheidung gerichtlich vor. Im vielbeachteten Verfahren „Brancusi vs. United States“ (1926–1928) wurde schließlich erstmals juristisch verhandelt, ob abstrakte Skulptur als Kunst gelten könne. Das Gericht entschied zugunsten des Künstlers und erkannte die Arbeiten als Kunstwerke an – ein Urteil, das rückblickend als wichtiger Schritt für die institutionelle Anerkennung der Moderne gilt.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie weit Brancusi seiner Zeit voraus war – und wie grundlegend seine Auffassung von Form, Material und Abstraktion die Entwicklung der Kunst im 20. Jahrhundert geprägt hat.
Ausstellungskonzept und räumlicher Kontext
Die Präsentation folgt einem thematischen Ansatz und verzichtet bewusst auf eine rein chronologische Ordnung. Dadurch entstehen inhaltliche Zusammenhänge, die Brancusis künstlerische Fragestellungen und Entwicklungen nachvollziehbar machen.
Ein zentraler Bestandteil der Ausstellung ist die erstmals außerhalb von Paris gezeigte Teilrekonstruktion von Brancusis Atelier. Dieses Ensemble vermittelt einen unmittelbaren Eindruck von seinem Arbeits- und Lebensumfeld und gilt als Schlüssel zum Verständnis seines Werkes.
Direktor Klaus Biesenbach verweist auf die besondere Qualität des Ausstellungsortes: „Dieses Gebäude hat etwas Erhabenes – ähnlich wie Brancusis Atelier in Paris. In diesem Dialog zwischen Raum und Werk entfaltet sich die ganze Kraft seiner Skulpturen.“
Die Architektur von Ludwig Mies van der Rohe bietet dabei einen klaren, offenen Rahmen, der die formale Präzision der Arbeiten unterstreicht.
Rahmenprogramm: Vertiefung und Vermittlung
Die Ausstellung wird durch ein differenziertes künstlerisches und wissenschaftliches Rahmenprogramm begleitet. Geplant sind internationale Symposien und Fachveranstaltungen in Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou, die sich mit zentralen Fragestellungen der modernen Skulptur und ihrer Rezeption befassen.
Ergänzend dazu bieten Kuratorenführungen, Vortragsreihen und Expertengespräche vertiefende Einblicke in die Konzeption der Ausstellung sowie in Brancusis Arbeitsweise und künstlerische Entwicklung.
Ein weiterer Bestandteil sind musikalische und performative Formate, die auf die Verbindung Brancusis zu Zeitgenossen wie Erik Satie Bezug nehmen und die ästhetischen Prinzipien seiner Arbeit in andere künstlerische Medien übertragen.
Auch Vermittlungsangebote für ein breites Publikum – darunter Workshops und Programme für Schulen – sind Teil des Begleitprogramms und tragen zur nachhaltigen Auseinandersetzung mit dem Werk bei.
Förderung und Kontext
Ermöglicht wird die Ausstellung maßgeblich durch die Freunde der Nationalgalerie. Flankierend wurde eine Kommunikationskampagne entwickelt, an der unter anderem der Berliner Sammler Christian Boros beteiligt ist.
Mit dieser Ausstellung stärkt die Neue Nationalgalerie ihre Rolle als zentraler Ort für die Auseinandersetzung mit der klassischen Moderne. Zugleich leistet sie einen wichtigen Beitrag dazu, Brancusis Werk in Deutschland einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Die Verbindung von herausragenden Leihgaben, präziser kuratorischer Konzeption und einem fundierten Rahmenprogramm macht die Ausstellung zu einer der maßgeblichen Präsentationen der Moderne im aktuellen Ausstellungsgeschehen. (fs)