25 Jahre BERLINboxx
BusinessMagazin
Berlin sucht Lösungen für ein resilientes Energiesystem
Dr. Silke Launert, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesforschungsministerium, und Luca Pirschel (FIV.Energy GmbH) | © BERLINboxx

Berlin sucht Lösungen für ein resilientes Energiesystem

07. Oktober 2026

Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz müssen zusammen gedacht werden. Auf der FVEE-Jahrestagung 2026 diskutierten Wissenschaft, Politik und Wirtschaft in Berlin, wie aus Forschung konkrete Lösungen für das Energiesystem der Zukunft werden können.

Die Energiewende hat eine neue Phase erreicht. Die Frage lautet längst nicht mehr nur, wie schnell erneuerbare Energien ausgebaut werden können. Es geht um die grundlegende Herausforderung: Wie lässt sich ein Energiesystem schaffen, das gleichzeitig klimaneutral, bezahlbar, wettbewerbsfähig und krisenfest ist? Genau diese Frage stand im Zentrum der FVEE-Jahrestagung 2026 auf dem Berliner EUREF-Campus. Unter dem Leitmotiv „Lösungen aus der Forschung für ein wirtschaftliches und resilientes Energiesystem“ brachte der ForschungsVerbund Erneuerbare Energien (FVEE) Wissenschaft, Politik und Praxis zusammen.

Energie wird zur Standortfrage

Für Deutschland ist die Debatte von strategischer Bedeutung. Hohe Energiepreise, geopolitische Unsicherheiten und der Umbau der Energieinfrastruktur stellen Unternehmen und Politik vor erhebliche Herausforderungen. Gleichzeitig wächst der Strombedarf, etwa durch Elektrifizierung, Digitalisierung und neue industrielle Anwendungen. Damit wird Energie zunehmend zu einer Standortfrage. Unternehmen brauchen eine Versorgung, die planbar und langfristig wettbewerbsfähig ist. Gleichzeitig muss der Umbau des Systems mit den Klimazielen vereinbar bleiben.

Die Energieforschung steht damit vor einer entscheidenden Aufgabe: Technologien müssen funktionieren und zugleich wirtschaftlich skalierbar sein. „In der aktuellen Phase der Transformation ist Wirtschaftlichkeit die entscheidende Voraussetzung für die zügige Umsetzung der nächsten Schritte der Energiewende“, so Prof. Dr. Andreas Bett vom Fraunhofer ISE, einer der beiden Tagungsleiter. „Die Forschung hat seit Jahrzehnten dazu beigetragen, dass die Kosten erneuerbarer Energien durch erhöhte Effizienz, niedrigeren Materialverbrauch, kostengünstigere Materialien oder ganz neue Technologien immer weiter gesenkt werden konnten. Diese Erfolgsgeschichte wollen wir fortschreiben.“

Von Speichern bis zur Systemstabilität

Die FVEE-Jahrestagung richtete den Blick deshalb auf konkrete technologische und systemische Lösungen. Speichertechnologien, erneuerbare Energien, Netze, Sektorenkopplung und intelligente Betriebsstrategien gehören zu den zentralen Bausteinen eines resilienten Energiesystems. Besonders relevant ist dabei die Frage, wie ein Stromsystem stabil gehalten werden kann, in dem Wind- und Solarenergie eine immer größere Rolle spielen. Die klassische Energiewelt mit großen zentralen Kraftwerken verändert sich. Dezentrale Erzeugung, Speicher und flexible Verbraucher gewinnen an Bedeutung. Resilienz wird damit zu einer technischen und politischen Schlüsselgröße.

Forschung trifft Politik

Welche Bedeutung die Energiewende für den Wirtschaftsstandort Deutschland hat, unterstrichen die Vertreter der Bundesregierung. Stefan Rouenhoff, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, betonte, dass die Energieforschung im vergangenen Jahr trotz großen Sparzwängen mit 1,5 Milliarden Euro gefördert worden sei. Seine Amtskollegin aus dem Bundesforschungsministerium Dr. Silke Launert würdigte in ihrem Grußwort die enge, praxisnahe Zusammenarbeit von Forschung und Wirtschaft. Diese sei unverzichtbar, denn Deutschland lebe von neuen Ideen.

„Unsere Forschungsprojekte unterstützen die Ziele der Bundesregierung für Systemstabilität“, so Co-Tagungsleiter Dr. Andreas Hauer vom ZAE Bayern: „Mit den vielfältigen Technologien für nachhaltige heimische Energieerzeugung, der Speicherung temporärer Überschüsse und der systemdienlichen Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Mobilität machen wir uns handlungsfähig, unabhängig und krisenfest.“

Im Fachgespräch mit Wissenschaftlern und Start-ups aus der Energiewirtschaft setzte Luca Pirschel von FIV.Energy einen innovativen Impuls: „ Resiliente und bezahlbare Energieversorgung beginnt für uns auch im Gebäude. Mit FIV.Energy haben wir Forschungsergebnisse und Technologien aus der Automobilproduktion auf Gebäude übertragen und daraus eine standardisierte, breit einsetzbare Lösung geschaffen. Unser Ansatz macht Energieflüsse steuerbar und Synergien zwischen den technischen Anlagen nutzbar, um das Energiesparpotenzial gerade im Gebäudebestand zu erschließen. So bringen wir Forschung in die Praxis und zeigen, wie ein gemeinsamer Standard für Gebäude zu einem effizienteren und widerstandsfähigeren Energiesystem beitragen kann.“

Berlin als Energielabor

Der EUREF-Campus war für diesen Dialog ein passender Ort. Rund um den Berliner Gasometer ist ein Quartier entstanden, das Energie, Digitalisierung, Mobilität und Nachhaltigkeit miteinander verbindet. Berlin wird damit selbst zum Schauplatz jener Transformation, über die auf der FVEE-Jahrestagung diskutiert wurde. Die Hauptstadt vereint dabei mehrere Rollen: Sie ist politisches Zentrum, Wissenschaftsstandort und Plattform für Start-ups und innovative Unternehmen. Gerade diese Verbindung kann helfen, Forschung schneller in die praktische Anwendung zu bringen.

Die FVEE-Jahrestagung 2026 setzte deshalb ein wichtiges Signal: Die nächste Etappe der Energiewende entscheidet sich daran, ob aus Forschung konkrete wirtschaftliche und gesellschaftliche Lösungen entstehen. Für Berlin bot die Debatte zugleich eine Chance, seine Rolle als Innovations- und Wissenschaftsstandort weiter zu stärken. Denn die Energieversorgung der Zukunft entsteht dort, wo Forschung, Politik und Wirtschaft gemeinsam an Lösungen arbeiten. (red)