Berlin kann Krise
Eine erste Bilanz nach dem Anschlag auf die Berliner Energieinfrastruktur
Von Frank Schmeichel, Verleger BERLINboxx
Unsere Stadt hat in diesen Tagen einen Schockmoment durchlebt. Betroffen war der Südwesten, getroffen ist ganz Berlin. Der gezielte Anschlag auf Teile der Energie- und Wärmeversorgung war kein technischer Defekt – es war ein politisch motivierter Sabotageakt gegen kritische Infrastruktur. Nennen wir das Kind beim Namen: Wer mitten im Winter die Versorgung einer Millionenstadt angreift und damit den Tod alter und kranker Menschen billigend in Kauf nimmt, ist ein Terrorist. Dessen eigentliches Ziel ist es, die Sicherheit und das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in unseren Staat zu erschüttern. Der Berliner Stromterror hat bereits ein Todesopfer gefordert – wofür sich die Täter schon im Vorhinein zynisch entschuldigt haben. Das weckt Erinnerungen an die Frühphase des bundesdeutschen Linksterrorismus, als es „nur“ um Gewalt gegen Sachen ging. Am Ende standen die Morde der RAF.
Professionelles Krisenmanagement
Umso wichtiger ist, was in den Stunden und Tagen danach sichtbar wurde: Der Staat, die Stadt und ihre Institutionen haben funktioniert. Senat, Stromnetz Berlin sowie alle beteiligten Hilfs- und Sicherheitsorganisationen wirkten bemerkenswert professionell zusammen. Während zehntausende Haushalte, hunderte soziale Einrichtungen und Unternehmen ohne Strom und Wärme waren, wurden Krisenstäbe aktiviert, Reparaturtrupps koordiniert, Notstromversorgungen aufgebaut, sensible Einrichtungen priorisiert. Feuerwehr, Polizei, THW, Katastrophenschutz, technische Dienste und freiwillige Helfer arbeiteten Hand in Hand. Und dies rund um die Uhr. Die Wiederherstellung der Versorgung erfolgte strukturiert und schneller als in vielen vergleichbaren internationalen Fällen. Das ist keine Selbstverständlichkeit – das ist das Ergebnis jahrelanger Vorbereitung, eingespielter Abläufe und eines hohen Verantwortungsbewusstseins der beteiligten Akteure. Berlin kann Krise.
Die Rolle des Regierenden Bürgermeisters
In dieser Ausnahmesituation kam dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner eine zentrale Rolle zu. Er hat den Krisenstab politisch geführt, den Schulterschluss mit Sicherheitsbehörden und Versorgern gehalten und früh das Ausmaß des Geschehens klargemacht: Es handelt sich um nichts weniger als einen massiven Angriff auf den Lebensnerv der Stadt. Ausdruck dessen war Wegners Entscheidung, die Großschadenslage auszurufen, was den Einsatz der Bundeswehr einschloss. Führung in der Krise bedeutet nicht permanente Präsenz vor Kameras. Sie bedeutet vor allem besonnenes Handeln. Dazu gehört es, Strukturen zu aktivieren, Entscheidungen zu ermöglichen, Zuständigkeiten klar zu halten und den Fokus auf Schutz und Wiederherstellung zu richten. Genau das ist geschehen. Wer jetzt versucht, aus verzerrten Momentaufnahmen oder Randaspekten einen politischen Skandal zu konstruieren, verkennt die Dimension des Geschehens – oder will sie verkennen.
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Wenn Wahlkampf den Blick verengt
Natürlich ist Kritik legitim. Sie gehört zur Demokratie. Aber was wir derzeit teilweise erleben, ist keine nüchterne Analyse, es sind wahlkampfgetriebene Scheindebatten. Einige Oppositionsvertreter und sensationslüsterne Medien versuchen, angesichts einer hochkomplexen Sicherheits- und Versorgungslage ihre eigenes (politisches) Süppchen zu kochen. Mit dem fatalen Ergebnis, dass die Gesamtleistung der Einsatzkräfte, Behörden und Unternehmen aus dem Blick gerät. Noch problematischer ist, dass diese Form der Berichterstattung und Kommentierung vom eigentlichen Kern ablenkt – nämlich den Tätern und der Frage, wie wir unsere Stadt besser vor genau solchen Angriffen schützen können. Wer den Fokus weg von der extremistischen Gewalt und hin zu parteipolitischer Erregung verschiebt, spielt jenen in die Hände, die Aufmerksamkeit durch Zerstörung suchen.
Was jetzt zählt
Dieser Anschlag war ein Warnsignal. Er zeigt, wie verletzlich moderne Städte sind – und gleichzeitig, wie leistungsfähig sie sein können, wenn Strukturen greifen und die politische Führung entschlossen handelt. Jetzt braucht es vor allem drei Dinge: eine schonungslose sicherheitspolitische Aufarbeitung, den stärkeren Schutz kritischer Infrastruktur und nicht zuletzt eine sachliche politische Debatte. Berlin hat bewiesen, dass es Krisen bewältigen kann. Senat, landeseigene Unternehmen, Einsatzkräfte und Zivilgesellschaft haben gezeigt, dass diese Stadt resilient ist. Das verdient unser aller Anerkennung. Und es verpflichtet dazu, die richtigen Schlüsse zu ziehen – ohne Wahlkampfgetöse, ohne Skandalisierung, ohne Ablenkung vom Wesentlichen. Die Antwort auf die linksterroristische Attacke muss der Rechtsstaat, müssen Professionalität und gesellschaftlicher Zusammenhalt sein.