Berlin elektrisiert sich – und denkt Mobilität neu
Berlin redet nicht mehr darüber, ob Elektromobilität kommt. Berlin steckt mittendrin – und beginnt zu verstehen, was das konkret bedeutet.
Die Hauptstadtkonferenz Elektromobilität 2026 im Roten Rathaus markiert genau diesen Übergang. Rund 800 Teilnehmer diskutieren nicht mehr über Visionen, sondern über Umsetzung. Die zentrale Frage lautet: Wie lässt sich Elektromobilität in bestehende Strukturen integrieren – schnell, skalierbar und wirtschaftlich tragfähig?
Im Raum sitzen nicht nur Politik und Verwaltung, sondern vor allem diejenigen, die diesen Wandel operativ tragen. Andreas und Luca Pirschel von FIV.Energy sowie Manuel Oltersdorf von FAY Projects stehen exemplarisch für eine Branche, die Mobilität, Energie und Immobilien längst zusammen denkt.
Alltagstauglichkeit entscheidet
Der Regierende Bürgermeister von Berlin und Schirmherr der Konferenz, Kai Wegner, setzt den politischen Rahmen und formuliert die Erwartung klar: „Elektromobilität ist ein entscheidender Faktor für die Zukunftsfähigkeit unserer Stadt und unseres Wirtschaftsstandorts.“ Gleichzeitig benennt er die zentrale Hürde: „Am Ende entscheidet die Alltagstauglichkeit: nur wenn Elektromobilität zuverlässig, einfach und bezahlbar ist, wird sie von der Breite der Bevölkerung akzeptiert.“
Berlin kommt voran. Rund 90.000 Elektrofahrzeuge und etwa 41.000 Ladepunkte zeigen Dynamik. Doch die Zahlen allein tragen die Entwicklung nicht mehr. Die Diskussion verschiebt sich von Ausbau zu Integration.
Elektromobilität wird zur Resilienzfrage
Dr. Severin Fischer, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, ordnet die Entwicklung strategisch ein und verknüpft sie mit der aktuellen geopolitischen Lage: „Elektromobilität ist auch eine Frage der Unabhängigkeit und Resilienz in einer zunehmend instabilen Welt.“ Steigende Energiepreise, globale Konflikte und fragile Lieferketten erhöhen den Druck, unabhängiger zu werden. Elektromobilität entwickelt sich damit von einem Klimathema zu einem wirtschafts- und sicherheitspolitischen Faktor.
Parallel verschiebt sich der Fokus. Der private Pkw verliert an Bedeutung. Quartiere, gewerbliche Flotten und integrierte Lösungen rücken in den Vordergrund.
„Entscheidend wird sein, Elektromobilität dorthin zu bringen, wo die Menschen leben – in die Wohnungswirtschaft und in die Quartiere“, so Fischer.
Vom Fahrzeug zum System
Mit zehntausenden Elektrofahrzeugen verfügt Berlin bereits über ein erhebliches Potenzial an mobilen Speichern. „90.000 Fahrzeuge bedeuten auch 90.000 potenzielle Batteriespeicher“, betont Fischer. Damit verändert sich die Rolle der Elektromobilität grundlegend. Sie wird Teil eines vernetzten Energiesystems.
Henrik Falk, Vorstandsvorsitzender der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), lenkt den Blick auf die operative Praxis. Für den öffentlichen Verkehr stellt sich die Frage nach der Technologie nicht mehr. Elektromobilität funktioniert. Die Herausforderung liegt in der Skalierung – und im nächsten Schritt in der Automatisierung.
Autonome Systeme, digitale Plattformen und neue Betriebsmodelle verändern den öffentlichen Verkehr tiefgreifend. Die Zukunft entsteht aus dem Zusammenspiel dieser Elemente.
Übergang in eine neue Phase
Elektromobilität lässt sich nicht mehr isoliert denken. Sie greift in Stadtplanung, Energieversorgung und Geschäftsmodelle ein. Berlin verlässt damit die Phase der Experimente.
Einen besonderen Moment markierte die Verabschiedung von Gernot Lobenberg, der die Berliner Agentur für Elektromobilität (eMO) über viele Jahre geprägt hat. Nach 15 Jahren Aufbauarbeit übergibt er die Verantwortung in einer Phase, in der Elektromobilität nicht mehr Vision, sondern Teil der urbanen Realität ist. Der Applaus im Saal machte deutlich, welchen Anteil die eMO an dieser Entwicklung hat. (eg)